HELLA ZAHRADA

DIE

EPHIDES - GEDICHTE

Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk

ADYAR-VERLAG GRAz

 

I N H A L T S Ü B E R S I C H T

 

1.

Gedichte aus Band l der Erstausgabe

(Mai bis November 1933)

Gott, du bist die Ewigkeit (25.5.1933)
Das Licht, das hell sich dünkt (30.5.1933)
Nun wählet recht und sagt (2.6.1933)
Das ist des Tages Lauf (8.6.1933) 20
Ob ich lange sinne, heiß mich sehne (16.6.1933)
Du, meine Seele, neige (20.6.1933)
Was lehnst du, Mensch, dich auf (27.6.1933)
Und einmal führt dein Weg nach Golgatha (4.7.1933) . .
Du mußt nur stille sein (7.7.1933)

Ein neues Leben schließt mir auf die Pforten (10.7.33) . .

Ich kann in Worten nicht gestalten (14.7.1933)
Es neigt ihr Köpfchen tief die Ähre (21.7.1933)

Ist's ein Ahnen, ist's ein Mahnen (25.7.1933)

Lügen seh ich, Lügen ringsumher (16.8.1933)
Jedem gibt der Herr das Seine (20.8.1933) 38
Wenn in dein Herz, das ungestüme, wilde (21.8.33) . .
Es ist ein stetes Kommen und ein Gehn (24.8.33)
Was weinst du, Kind? (5.9-1933)
Lohnt sich denn Lust und Leid (14.9-1933)

Es lastet dichtes Dunkel auf den Wegen (17.9-1933) . . .

Bist du mir nah, du Stunde des Erwachens (19-9-33) . . .

Denn von allen, die da wallen (1.10.1933)
Du ringst und rufst nach Glück (1.10.1933)

Was weiß ein Mensch auf Erden denn vom andern (2.10.1933)

Die Sorgen haben ihre kalten Finger (4.10.1933)

Sorge nicht, ob deine Taten (Oktober 1933)

Unerfüllter Tage Sehnen (15.10.1933)
Und willst du Wahrheit nur (15.10.1933)
Du bist ein tiefer See, Vergänglichkeit (26.10.33)
Es ist der Glaube keine Blüte (1.11.1933)
Dir, du Sucher, ist gegeben (3.11.1933)
 Sei die Harfe (6.10.1933)
Überwunden sind die Stunden (9.11.1933)

 

 

 

1.

G E D I C H T E

AUS BAND l DER ERSTAUSGABE

(Mai bis November 1933)

 

Gott, du bist die Ewigkeit,

die Anfang und Ende umschließt,

Gott, du bist die Herrlichkeit,

die Gnade in uns gießt!

Laß wachsen unsres Geistes Licht,

und wenn uns auch die Schau gebricht,

laß unsern Glauben Hüter sein

und Wächter unsrer Liebe Schein,

die von dem großem Himmelslicht

ein Abglanz ist. - Herr, uns gebricht

die Kraft, der Mut -

mit dir im Bunde sind wir gut,

doch gehen wir ein Stück allein,

ist alles fort -

Denn unser Sein,

es ist das Wort,

das du gesprochen

und dessen Klang Gestalt gewonnen

auf den hohen, lichten Sonnen

in vergangner, schöner Zeit,

die nur uns erscheint so weit,

daß wir meinen, Ewigkeiten

trennen uns von Dir! Doch Zeiten

kennst du nicht! -

Und kehren wir in reinem Sein

nach langem Wege wieder heim,

dann ist es nur,

als hätt' das Wort,

das aus dir ging ins All,

geklungen -

und als sei der Widerhall

nun zu dir gedrungen.

Dieses Wissen gib uns hier:

daß wir ewig sind in dir;

gib uns jenes Glaubens Kraft,

die Zeiten wandelt

und sie läßt verwehen

und an jenen Wundern schafft,

die nie vergehen!

Dieses Wissen gib uns hier:

du bist in uns - wir in dir!

Freud wie Not, wie leicht sie wiegt,

wenn dieses Wissen in uns liegt!

 

Das Licht, das hell sich dünkt

und - ohne es zu sein -

des Lichtes Maske nimmt

und borgt sich seinen Schein

und prunkt damit:

Das ist der Herr der Welt,

der Hochmut, der euch reizt

zu tun, was ihm gefällt,

und der mit Lob nicht geizt

und nicht mit Schmeichelworten.

Streckt gierig ihr die Hand

nach eitler Macht nur aus,

um es ihm gleich zu tun,

dann baut ihr nur sein Haus

und könnt darin nicht ruhn.

Er hetzt euch ohne Ruh,

und ihr tragt ihm herzu

der falschen Werte Flittergold,

und wie ihr Lügen sucht,

ist euer Sold

die Lüge nur!

Die lebt so lang davon, daß sie zerstört,

bis sie mit dem Zerstörten untergeht.

Die Wahrheit aber schreitet durch die Lande,

sie ist so schön, daß sie des Schmuckes nicht bedarf

und nicht des Faltenwurfs im Lichtgewande.

Nicht Lob, nicht Tadel spendet sie.

Sie schweigt.

Doch wenn ihr Blick dich trifft,

dann sinkst du in die Knie . . .

und ohne Worte wird dir Wissen kund,

wenn stumm dich grüßt ihr ernster Mund.

 

Nun wählet recht und sagt: Was wollt ihr werden?

Werkzeug zu sein, ist euer Los auf Erden!

Ein herrlich Los, seid ihr der Meißel

in des Allmächt'gen Hand -

ein elend Sklavendasein bloß,

seid ihr die Geißel,

die Satans List erfand.

Wohl ist der Meißel hart und dringt tief ein

und füget Wunden zu dem rohen Stein;

doch nicht zu quälen,

nur zu beseelen.

Um einzuhauchen ihm das Leben,

der Schönheit Krone ihm zu geben,

um der Vollendung willen nur

zieht er die schmerzensreiche Spur.

Die Geißel aber schlägt nur um des Schiagens willen

zahllos und wahllos Wunden, ohne sie zu stillen.

Sie naht sich nicht geradewegs dem Ziel,

sie lauert abseits stets, dann wie im Spiel

holt weit sie aus, um sichrer nur zu treffen,

denn sie versteht's, dem Satan nachzuäffen

die böse List . . .

Ihr Menschen, da ihr's wißt:

Was wollt ihr werden?

Werkzeug zu sein, ist euer Los auf Erden!

Nun wählet recht!

 

Das ist des Tages Lauf:

Am Morgen steht man auf

und gibt dem Leib sein Teil

und manchmal auch der Seele,

daß ihr ein wenig Lust,

ein wenig Leid nicht fehle,

denn sie verlangt danach.

Der Leib gedeiht dabei,

die Seele ist zufrieden.

Am Abend ist man frei,

und war Erfolg beschieden

der Arbeit, dann auch froh

und oft ein wenig stolz.

Solang man selber spricht

und sprechen hört, ist's gut.

Doch wenn im Dämmerlicht

man nur ein wenig ruht -

was ist's, was da erwacht?

Welch unbekannte Macht

entzündet dann die Fackel deines Innern?

In ihrem Lichte siehst du plötzlich klar:

Was groß dir schien, wird klein, und was dir wichtig war,

wird nichtig, und was du versäumt, wird offenbar;

der kleinsten Lüge wirst du nun gewahr,

die wie ein schleichend Gift in deinem Geiste wirkte.

Was du geschaffen dir, was du getan,

nun sieht es dich wie etwas Fremdes an.

Was nah dir war, rückt von dir ab,

was dir die Erde Schönes gab,

verblaßt.

 

 

Des Tages Licht und Lärm erlischt,

und jene unbekannte Macht verwischt

mit sachter Hand die Grenzen deines Seins. -

Du bist nicht mehr allein, du fühlst dich eins

mit allem, was da lebt und liebt und leidet,

es fällt die Mauer, die Geschöpfe scheidet,

und mit ihr fällt dein Weh!

Es dehnt die Brust ein unbegreiflich Sehnen

nach anderm Glück als dem, das du gewohnt,

nach anderem Erfolg, als der dich sonst belohnt.

Ein Heimweh ist's nach einem Heim, das du nicht kennst,

ein Rufen nach dem Einen ist's, den du nie nennst -

nach Gott!

Du streckst in der Erfüllung höchstem Glück

nach jener unbekannten Macht die Arme

und bittest: Wirf mich nicht zurück

ins Erdenelend! - Ew'ge Liebe du, erbarme,

erbarme dich und laß in Gott mich ruhn!

Sie lächelt abschiednehmend: Du selber mußt es tun!

Du bautest selber dir die Mauer,

nun sorge, daß sie fällt;

nur Selbstbefreiung ist von Dauer! -

Ich bin dazu bestellt,

daß ich die Flamme speise,

daß ich den Weg dir weise,

so komm und folg mir nach!

 

 

Ob ich lange sinne, heiß mich sehne,

ob ich manches will und vieles wähne,

ob ich Pläne trage, Taten wage -

wenn ich nicht nach Gottes Willen frage,

sehe ich am Ende meine Tage

fall'n wie welkes Laub vom Baum des Lebens.

Sehnen, Sinnen, Suchen war vergebens!

Trete ich vor Gott, sind meine Hände leer . . .

Doch wer sich bettet in des Vaters Willen,

ist stark, und seine Hände sind von Segen schwer.

Die Tränen seiner Brüder kann er stillen,

kann Hoffnung wecken, kann den Frieden bringen.

Er sorgt nicht, was er spricht, denn in ihm klingen

des ew'gen Wassers Quellen, frisch und klar,

und er spricht nicht für sich - drum spricht er immer wahr.

Er ist sich selbst genug und dient doch liebend allen,

die Blüten seines Lebensbaumes fallen

in reicher Pracht und überschütten - andre,

denn ihm ist aufgetragen, daß er wandre

und ändern gebe und für andre lebe,

daß er aus ihren trüben Tiefen hebe

den Schatz, der jedem Menschen ist geschenkt!

 

 jardin70

Und wenn der Vater seine Schritte lenkt

der ew'gen Heimat zu, ist ihm nicht bange;

in ihrem Lichte wandelt er schon lange.

Den Wanderstab, der oft ihm schien zu schwer,

legt er beiseit' und gibt zurück das Kleid,

und seiner Bürden ledig schreitet er,

ein Sieger, durch das Tor der Ewigkeit.

 

 

Du, meine Seele, neige

in Ehrfurcht dich und schweige,

daß sich das Wunder zeige!

Es kommt aus Sternenweiten,

es klingt aus fernen Zeiten

und rührt der Seele Saiten

die urerschaffne Weise,

nach der die ew'gen Kreise

die Sterne ziehn. - Erst leise,

dann aber hellaufrauschend,

vernimmt die Seele lauschend

und Brudergrüße tauschend

der Sterne Klang und Singen

und wird dann selbst ein Klingen

und darf mit ihnen schwingen

im heil'gen Weltenreigen! -

Soll sich das Wunder zeigen,

o Seele! - mußt du schweigen

und dich in Ehrfurcht neigen!

 

jardin28

 

Was lehnst du, Mensch, dich auf,

meinst du, du kannst entfliehn

dem Gott in dir? Glaubst du, dich zu entziehn

dem ehernen Gesetz, wenn du dich von ihm wendest,

wenn du mit eigner Hand dein Leben endest?

Was deinen Körper trifft, trifft nur dein Kleid.

Das Leben endet wohl, doch endet nicht das Leid,

dem du nur wehrloser anheimgegeben

und ausgeliefert bist im neuen Leben,

weil ungerufen du betratst das neue Land!

Wer Gottes Ruf nur folgt, dem sind zum Trost gesandt

erbarmungsvolle Engel, die ihn leiten,

die seinem schwachen Fuß den Weg bereiten.

Doch wer den eignen Willen nur gekannt auf Erden,

wie kann der Wille Gottes ihm zur Hilfe werden?

Die Hilfe ist ihm nah - allein er sieht sie nicht,

des Eigenwillens Trotz beraubt ihn nun der Sicht.

Sein Denken, nur auf sich gestellt, schließt ihn nun ein,

Gefangner seiner selbst, empfindet er allein

die eigne Not, die eigne Seelen quäl;

zu enden sie, versucht er tausendmal

die gleiche Tat und wird sich tausendmal bewußt,

daß er nicht töten kann das Fühlen in der Brust! -

Erst wenn die Qual die Mauern seines Kerkers sprengt,

wenn tiefste Not ihm des Gebetes Gnade schenkt,

wenn er aus grenzenloser Einsamkeit

nach Gott, nach Hilfe, nach Erlösung schreit -

ist er befreit!

 

jardin29

 

Er sieht die lichte Schar,

die helfend ihm schon lange nahe war.

Sein aufgeschlossnes Herz ahnt nun, was Liebe schafft,

und mit dem Ahnen wächst die eigne Liebeskraft.

Das Ahnen wird ein Schaun, das Schaun Erkennen,

den ew'gen Schöpfer lernt er Vater nennen.

So schreitet strebend er in seiner Brüder Mitte

dem Lichte zu, und jeder seiner Schritte

bringt näher ihn dem heißersehnten Ziel.

Wie oft er es erstrebt, wie oft er fiel,

schaut er erkennend nun im Spiegel seiner Leben.

Sein letztes Erdenlos, das ihm nur Qual gegeben,

wie klein es ist, - ach eine Perle nur,

den ändern angereiht auf goldner Schnur,

die ausging einst von Gott und kehrt zu Gott zurück.

Der Mensch sieht von dem goldnen Faden nur ein Stück,

und seine Prüfung ist, ihn dennoch rein zu spinnen

und eine klare Lebensperle zu gewinnen.

Des Daseins Kreis zu schließen, ist er ausgesendet

von Gott - und erst in Gott ist er vollendet.

 

jardin30

 

Und einmal fuhrt dein Weg nach Golgatha . . .

Ob er aus Glückes Höh' sich neigt,

ob er aus sünd'gen Tiefen steigt,

ob dich die Menschen haßten, ob sie Hosianna riefen -

hinab von jeder Höh', herauf aus allen Tiefen

führt einmal doch der Weg nach Golgatha,

und du erlebst es selbst, was einst dem Herrn geschah.

Doch einmal endet auch die tiefste Nacht,

und tiefstes Leid, so wie es kam,

vergeht, wie alles, was es nahm,

und ganz verlassen stehst du einst

am Berg der Einsamkeiten .

Doch nicht umsonst - um deinen Brüdern zu bereiten

den Weg, hast du dein Golgatha vollbracht.

Ein unvergänglich lichter Tag folgt dieser Nacht.

 jardin71

Du mußt nur stille sein, du mußt nur lauschen . . .

dann hörst du überall die ew'gen Brunnen rauschen

und hörst nur sie

Es stört dich niemals mehr der Menschen lautes Wort,

und daß sie lügen! Du erkennst sofort,

wie arm sie sind,

und wirst Vergeltung nicht, nur Milde üben,

denn die Bedrängten willst du nicht noch mehr betrüben,

willst helfen nur!

Und wie du helfen kannst? Wenn ihre Klagen

wie eine bittre Flut an deine Ohren schlagen,

dann höre 2u!

Doch höre nur des ew'gen Brunnens Rauschen

und merk, wie Menschen wunderlich vertauschen

und unbewußt

die Ursach' mit der Wirkung, wie sie »Müssen« sagen

und »Wollen« meinen, wie sie keuchend tragen

die eigne Last,

die selbstgewählte, die sie Zufall nennen,

und merk, daß sie die Blindheit vorziehn dem Erkennen

der eignen Schuld!

Doch ist's, als ob aus ew'gen Brunnens Tiefe

ihr Geist, im Fleisch gefangen, dich um Hilfe riefe,

weil du ihn hörst!

Kennst du die Quellen, die im Menschen fließen,

dann weißt du auch: Gerade was sie von sich stießen,

Tut ihnen not!

Und gibst du Antwort, gib sie nicht den lauten Klagen,

der leisen Geistesstimme sollst du sagen

das rechte Wort!

 

 

jardin31

 

Daß sie erstarke, daß sie übertöne

der Erde Laut! Daß einst der Geist in lichter Schöne

die Brücke baut,

die ihren sanften Bogen schützend breitet

über vergeß'nes Weh, daß, wer sie überschreitet,

ins Licht nur seh'!

 

 jardin72

Ein neues Leben schließt mir auf die Pforten ...

ich steh' geblendet still. -

Was sonst sich barg in dunklen Worten,

was ahnend ich erfühlte, tastend suchte allerorten -

Nun ist's in mir!

Denn es gibt Grenzen nicht, noch Raum, noch Zeiten -

die Schönheit aller Welten, die Sehnsucht aller Weiten

und alle Lieb' und alle Schmerzen breiten

in mir die Flügel aus!

Ich Staubkörnlein im All! Ich wollt', mein Jubel wäre

ein Frühlingssturm, der alle Knospen sprengt

und über Berge zieht - und über Meere

befruchtend Samen trägt und ihn in Blüten senkt

und der die schwüle, träge Luft verdrängt,

die über Sümpfen lagert, und der alle Winterschwere

aus Bäumen und aus Menschen schüttelt!

 

jardin33

 

Ich kann in Worten nicht gestalten

das Bild, das meine Seele schaut -

so helft mir, himmlische Gewalten,

auf die mein gläubig Herz vertraut!

Nimm mich in deine weichen Arme,

du lieber, linder Sommerwind,

und Sonne du, dein Licht, das liebend warme,

hüll' mütterlich mich ein, ich bin dein Kind!

Ich bin dein Kind und weiß um deine Macht,

auf deinen Strahlen seh ich niedersteigen

der Geister lichte Schar, wie sie sich sanft und sacht

und liebend über leiderfüllte Menschen neigen

und über sie des Himmelsfriedens Schleier breiten.

Und haben sie ein müdes Herz zur Ruh gebracht,

seh' ich mit leichten Füßen sie entschreiten

und ändern Stärkung reichen für die Nacht.

Und jeder Geist ein Lichtlein sorglich trägt,

das er am Sonnenfeuer hat entfacht

und das er treulich hütet, hegt und pflegt,

damit die schwere Erdenluft nicht trübe macht

das klare Himmelslicht. -

Und wo ein Herz in Sorgen schlägt,

ein Haus im Schatten steht und eine Sehnsucht weint,

dahin der Sonnengeist sein klares Himmelslichtlein trägt,

das er in müde Herzen pflanzt, darin es scheint

mit mildem Glanz. Und jedes Herz,

von diesem Glanz erhellt,

muß stille werden, weil es nun sein Leid versteht.

Und sieh! Darum ist feierabends friedevoll die Welt.

 

jardin35

 

Der Geist, der diesen Frieden brachte, aber geht,

von Menschentränen schwer ist sein Gewand

und schwer sein Fuß, der schritt durch Erdennot.

Der Sonnenstrahlen lichte Leiter selbst,

sie dünkt ihn jetzt wie Menschenblut so rot,

und müde steigt er, müd und ohne Licht,

den letzten Abendsonnenstrahl empor -

doch höher steigend, Kraft gewinnend, grüßt er froh

der lichten Sonnenheimat goldnes Tor'

 

jardin40

 

Es neigt ihr Köpfchen tief die Ähre,

die ihres Sonnensegens Schwere

in Demut trägt.

Es wächst daneben unbeladen

das Unkraut, aller Fluren Schaden,

und lodernd schlägt

sein farbig Kleid hervor wie Feuerbrand.

Wohl steht der Mensch gebannt, doch seine Hand

greift nur nach ihm,

wenn er zum Zeitvertreib ein Sträußlein bindet,

den Erntekranz um seine Stirn sich windet

als kurze Zier.

Doch wenn er Nahrung braucht,

die nur die Demut spendet,

er seine Augen hoffnungsfreudig wendet

dem Ährenfelde zu.

Drum reife in der Stille, kleine Ähre,

es kommt der Tag, wo deines Segens Schwere

hingeben darfst auch du!

 

jardin42

 

Ist's ein Ahnen, ist's ein Mahnen,

das mich traurig macht,

wenn das ferne Licht der Sterne

sanft erhellt die Nacht?

Ja, ein Ahnen . . .

denn die Seele sehnt sich heimzugehn,

und ein Mahnen,

erst die Prüfung tapfer zu bestehn!

Wieviel Leidenslast zu tragen,

wieviel Erdenkampf zu wagen,

gibst du, Herr, mir auf?

Heimwehkrank ist meine bange,

müde Seele! Herr, wie lange

wartet sie noch drauf?

Ist kein Plätzchen in dem Garten

deines Himmels, sag'?

Muß in Dunkelheit sie warten

lang noch auf den Tag?

Alle Erdenwege münden

in ein Meer von Weh!

Einzig deine Sterne künden,

Vater, deine Näh'!

Alle Wege bin ich gangen,

alle Träume blieben hangen

an den Dornen, sieh!

Leiteten mich nicht von ferne

deine Augen, Herr, die Sterne,

fand' zu dir ich nie!

 

 

jardin44

 

Wohnungen hast du so viele

und für alle, die am Ziele

ihres Wanderns sind!

Hilf, es sind so steil die Stufen,

hilf, o Herr, mit deinen Rufen

nach dem müden Kind!

Bin dein Kind doch, und ich find' noch

wo ein kleines Haus,

wo bescheiden ich vom Leiden

in dir ruhe aus! –

 

jardin49

 

Lügen seh' ich, Lügen rings umher

wie ein wildes, sturmgepeitschtes Meer.

Menschen seh' ich tief und tiefer sinken.

Müssen alle in dem Meer ertrinken?

Einer ist's, der auch das Meer bezwang,

so behutsam war sein leichter Gang,

daß er schaumgekrönte Wogen überschritt

wie Blumenwiesen. Und er nimmt dich mit,

du ringend Menschlein du im Spiel der See,

wenn du die Hand ihm reichst, und all dein Weh,

die Schuld, die Lust und deine eitle Macht

dem hingibst, der die Liebe dir gebracht.

Die Schuld, sie bindet dich, es zieht hinab die Lust,

und wohnt nur eine Lüge noch in deiner Brust,

sie ist ein Stein und zieht dich in die Tiefe.

Drum mach dich frei, und ob auch lockend riefe

und tausendstimmig dich der Erde Glück -

wirf ab die Lust, sie ist nur Last, schau nicht zurück!

Die Hand in seiner Hand, dein Auge in dem seinen,

Genesung trinkend, sollst du dich vereinen

 

 

jardin50

 

mit allen guten Kräften, die dich heben,

die deiner matten Seele Flügel geben,

die dich vom Wollen zu dem Wissen leiten,

bis du das Wissen kannst zur Weisheit weiten.

Das Meer der Lüge kann nur den verschlingen,

der in der eignen Brust nicht kann bezwingen

den Sturm der Seele. Doch so wie der Eine,

der Heiland, schreitet übers Meer der Reine!

 

 

jardin54

 

Jedem gibt der Herr das Seine,

doch es klagt und sagt der eine

wie der andre, daß ihm scheine

klein sein Glück und groß sein Leiden!

Stets den ändern zu beneiden

ist Bedürfnis allen beiden.

Kinder eines Gottes, trauet

eurem Vater. Er erschauet

euer Wesen und erbauet

auf dem Gestern, das mit Sorgen

heut' ihr sühnen müßt, ein Morgen

der Befreiung! Drin geborgen

sind die Hungrigen und Satten.

Nur wie dunkler Bäume Schatten

übern lichten Grund der Matten

ziehn die Freuden, ziehn die Leiden . .

Wollt ihr immer noch beneiden?

Wollet, Kindlein, euch bescheiden!

 

jardin56

 

Wenn in dein Herz, das ungestüme, wilde

ein Tropfen fallen soll von jener Himmelsmilde,

die das Gewöhnliche zu Reinem erst verklärt,

dann wolle nicht, daß Menschen sie dir geben.

Aus dem Gewöhnlichen kann dich allein erheben

der Gott, der reine Liebe dich gelehrt.

Das niederstürzend Licht der goldnen Sonne,

das fast der Himmelskuppel Wölbung sprengt,

sei dir ein hohes Bild von jener Liebeswonne,

nach der dein ungestümes Herz so drängt. -

Doch hüte dich, die heil'ge Himmelsfackel

der Liebe auf die Erd' herabzuziehn!

Hier gibt sie nur ein kleines, schwelend Feuer

und Rauch, denn ihre Reinheit mußt' entfliehn.

Denn wahre Liebe ist so wie die Sonne:

Am Himmel ist ihr Platz und ihre Liebeswonne

der Strahlenmantel, der mit Glanz umgibt

die Wesen, die sie selbstlos gebend liebt.

 

 

Es ist ein stetes Kommen und ein Gehn

und Abschiednehmen auf des Lebens Straßen,

und sah ich unterwegs ein Häuschen stehn

und Menschen, die im engumfriedet' Gärtlein saßen,

da wollten meine Füße mich nicht weiter lassen,

und eine Heimat suchend, kehrt' ich ein.

Doch gibt es eine Heimat denn auf Erden?

Ich sah hier Menschen sterben und geboren werden

und ausgehn, dem Beruf zu folgen und dem Gatten,

und was geborgen schien mir hinter Latten

des enggezognen Zauns, war Kämpfen und Ermatten

und Abschiednehmen so wie überall. -

Und eng fand ich die Herzen wie die Gärten.

Die eignen Blumen nur zu pflegen und zu werten,

ist engumhegter, wohlgeborgner Menschen Art;

denn wer sein Eigentum vor Fremden wahrt

mit Zaun und Schloß und Hund und wird dabei bejahrt,

der ist's gewohnt und kann nicht anders sein.

Ich trage leicht an meinem Gut und Leben

und bin drum frei und kann den Blick erheben

ins Unbegrenzte! Und mich führt an ihrer Hand

die Sehnsucht, und mich zieht der Straße weißes Band . .

Wohin? In unser wahres Heimatland,

denn wir sind alle Wanderer im All!

 

 

 

 

Was weinst du, Kind?

Weil deine Hoffnungen gestorben sind?

Ach, Hoffnungen, die sterben können,

sollst neidlos du dem Tode gönnen.

Sie waren Schein,

dem Leben lieh allein

nur deine Seelenkraft,

die immer wieder immer neue Hoffnungsbilder schafft.

Was weinst du, Kind?

Es trug nur welke Blätter fort der Wind,

doch deine Kraft des Grünens ist geblieben

und schenkt dir größre Hoffnung, rein'res Lieben.

Enttäuschung ist

ein Meilenstein und mißt

den Weg und deine Kraft.

Wohl dir, wenn er dir zeigt,

wie nah das Ziel der Wanderschaft!

Was weinst du, Kind?

Es war die Gotteshand, sie hat nur lind

den Schleier von den Augen dir genommen.

Das Ende deiner Täuschung ist gekommen,

und du erschaust

die Wahrheit, und erbaust

ein neues Hoffnungsbild,

das nicht von dieser Erde ist und darum ewig gilt!

 

jardin29

 

Lohnt sich denn Lust und Leid, Erfolg und Plage?

Nur eine Hand voll Sand sind meine Tage;

Versuche ich die Faust um sie zu schließen,

Fühl' ich den Sand durch meine Finger fließen.

Trag ich ihn offen auf der flachen Hand,

Der nächste Windhauch weht ihn weit ins Land.

Was sich nicht halten läßt und nicht bewahren,

Soll mühsam hegen ich und sparen?

Was hindert mich denn, auszuschütten alle Qual

Jetzt gleich? — Dann bin ich frei mit einem Mal!

Was hindert mich? — Ja, welche Stimme spricht

In mir mit Donnerwort und hält Gericht?

Und sänftigt dann mein reubereites Sein

Zu einem milden, müden Abendschein,

Darin ich sorgsam trage in der hohlen Hand

Mein bißchen Glück und Weh und Staub und Sand,

Und trag' es weiter wie ein kostbar Gut.

Doch nimmt's der Wind — er weiß wohl, was er tut,

Er darf's, was selbst zu tun mir war versagt.

Ich muß ihm dankbar sein — und unbeklagt

Seh flattern ich mein Gestern und mein Heute;

War's Glück, war's Leid, das mir der Wind zerstreute?

Vielleicht wächst wo ein Blümchen auf dem Stein,

Mein bißchen Sand kann ihm schon Erdreich sein;

Es baut die Schwalbe sich vielleicht ihr Nest

Mit meinem Sand! — 0 Wind, nicht wahr, du läßt

Die Handvoll Sand, die ich getragen habe

So schwer und doch so gern, du läßt die Tage,

Die einst mein Leben waren, nicht umsonst verwehn!

Du nimmst, zu geben nur, und läßt entstehn

Aus meinen Schmerzen andrer Glück und Wonne!

Ich aber eile heim zu dir, o Sonne!

 

 

 

Es lastet dichtes Dunkel auf den Wegen

der Menschen, die ihr kleines Ich nur sehn;

sie gleichen den Verirrten, die im Walde

des Nachts allein stets nur im Kreise gehn.

Sie stoßen in der Dunkelheit an Dinge,

die sie nicht sehn und die sie nicht erkennen

und dennoch gleich mit falschem Namen nennen,

aus Angst, der Dunkelheit ins Äug' zu sehn.

Doch wer des Lichtes sich will wert erweisen,

erkenne erst die Dunkelheit um sich

und ende jenes hoffnungslose Kreisen

um einen kleinen Mittelpunkt: das Ich.

Darum ist's gut, daß sich die Menschen stoßen,

ein jeder an des ändern Fehl und Art,

weil fremde Selbstsucht ihn davor bewahrt,

der eignen Selbstsucht allzulang zu dienen.

Und steht der Mensch erst an der Selbstsucht Schwelle,

des Dunkels satt und müd vom wirren Lauf,

dann lichtet sich das Dunkel leis zur Helle

des jungen Tags, der siegend steigt herauf

und der ihm zeigt der Dinge wahres Wesen!

Jetzt unterscheidet er vom Schein das Sein,

vom Trug die Wahrheit, und vermag zu lesen

der Welt verwirrte Schrift. - Denn seit er rein

und wahr ist, kommt die Wahrheit ihm entgegen

und gießt ihr licht in sein geöffnet Herz

und breitet ihren Mantel aus auf seinen Wegen

und hebt ihn auf und trägt ihn himmelwärts!

 

baumblüte

 

Bist du mir nah, du Stunde des Erwachens?

Mir ist, als spüre ich das Nahen deines Nachens

und seinen Ruderschlag in meinem Blut . . .

Zu wissen, daß du kommst, wie ist das gut!

Im Land des Zwielichts schmachtet meine Seele,

des Sehens hat sie längst sich schon entwöhnt,

nur die Gewißheit deines Kommens, Fährmann -

hat sie mit ihrem Schicksal ausgesöhnt.

Die Menschen furchten dich und scheuen deinen Namen,

das macht die Blindheit nur, sie ist des Irrtums Samen,

der fahle Blüten treibt am lichtlosen Gestade.

Ich aber rufe dich, du Tag der Gnade!

Ich weiß, nicht ungestüm darf gell'n der Schrei nach dir,

der Herr bestimmt die Fahrt, der Herr das Ziel, nicht wir ..

Ich kenn' dich, Fährmann, gut, du hast mich oft errettet

aus tiefster Lebensnot und mich mit sanfter Hand

in deinen Kahn gebettet!

Doch manchmal holtest du mich, wenn im schönsten Spiel

und tiefster Erdenblindheit ich vergaß mein Ziel;

dann zürnt' ich dir - und mußte dafür warten

das nächste Mal mit tausend Schmerzen auf den zarten,

den milden Ruf, der mir Erlösung brächte.

Weißt du es, Fährmann, noch, wie viele Nächte

ich in Verzweiflung deinen Namen rief?

Dann sank in Leid und Blindheit ich so tief,

daß ich ins Meer mich stürzte, um dich zu erreichen;

doch seltsam wußtest du mir immer auszuweichen.

Das ganze bittre Meer, das deinen Kahn sonst sanft gewieg

mußt' schwimmend ich durchmessen und hätte nie gesiegt,

hätt' nicht errettet mich des Herrn Barmherzigkeit!

Ich glaub', nun habe ich gelernt, und sieh, ich bin bereit

und rufe dich, du Fährmann,

mit des Leidens demutsvollstem Ruf!

Führ mich jetzt rein zu ihm, der mich in Reinheit schuf!

 

Los Gigantes

 

Denn von allen,

die da wallen,

ist zu sagen:

Sie tragen schwer; doch nur, wenn sie auch willig tragen,

wird ihre Last verwandelt und zum Segen,

denn der Erkenntnis Blume wächst auf steilen Wegen,

der Born der Tränen wird zur Weisheitsquelle,

die Leidensnacht gebiert des Mitleids milde Helle.

Und von allen,

die da fallen,

ist zu sagen:

Zur alten Last auch noch die neue Schuld zu tragen,

ist doppelt schwer, drum sind sie zu bedauern;

sie haben sich den Weg verbaut mit Mauern,

die stürzen macht erst tiefsten Leidens wilder Schrei.

Doch alle, alle werden einmal frei!

 

Los Gigantes

 

Du ringst und rufst nach Glück!

Kaum zeigt es sich,

so läßt es dich

in Einsamkeit zurück.

Denn es ist eine Sprosse nur auf unsrer Leiter,

komm weiter!

Das Leid, wie es dich schreckt!

Schon hat's den Arm gereckt,

dich zu erfassen -

und muß dich lassen!

Es ist ja eine Sprosse nur auf unsrer Leiter,

komm weiter!

Das Werk, das du erstrebtest,

dem du, dich opfernd, lebtest -

kaum hast du es getan,

gehört es ändern an.

Ach, es ist eine Sprosse nur auf unsrer Leiter,

komm weiter!

So läuft der Erde Zeit.

Erst scheint der Tod dir weit,

dann ist er nah,

auf einmal ist er da!

Doch er ist eine Sprosse nur auf unsrer Leiter,

komm weiter!

 

Was weiß ein Mensch auf Erden denn vom ändern?

Wenn sie die gleiche Straße Seif an Seite wandern,

Hat jeder seine eigne Welt und Zeit.

Das Jetzt des einen ist Vergangenheit

Dem ändern, weil er längst schon überwand

Die Prüfung, eh sie vor dem Bruder stand.

Vergeblich sucht er seine Lebenslust zu dämpfen,

Vergeblich spricht er ihm von eignen Kämpfen!

Ein jeder glaubt nur, was er selbst erlebt,

Und sieht das Stück nur, das er selbst gewebt

Am großen Teppich dieses bunten Lebens.

Drum such' nicht Anerkennung deines Strebens,

Streb' nicht nach Beifall, streb' nur um des Zieles

willen!

Der Mensch kann nie des Menschen tiefste Sehnsucht

stillen,

Das kann nur Gott! — Doch in Ihm wirst du finden

Den Bruder auch und dich mit ihm verbinden.

Denn aller Menschenliebe unerlöster Rest

Geht auf in einem Ziel, das unverrückbar fest

Und ehern steht und aller Geister Blick

Wird weit und wissend! Und der Welt Geschick,

Des Lebens ganzer bunter Teppich, ruht

Zu ihren Füßen und sie sehn ihr Gut,

Des eignen Lebens Faden — hat er Gott genügt? —

Dem bunten Teppichmuster sorglich eingefügt

Und was auf Erden ihnen unverständlich war,

Die Vielfalt ihres Wesens, bietet sich nun dar

Dem geist'gen Blick als schönes Farbenspiel!

Was sie getrennt erstrebten, jenes ew'ge Ziel,

Dem sie verschiedne Namen gaben,

Die sie oft mißverstanden haben

Die Namen waren es, die Erdenbrüder schieden,

Des Ziels Erkenntnis erst eint sie zu ew'gem Frieden!

 

Sei die Harfe!

Deine zarten

Saiten warten,

Und sie wollen

Übervollen

Jauchzens Klänge!

Doch sie müssen

Weinen lernen,

Um zu wissen

Von den Fernen

Und den Tiefen,

Die in deiner Seele schliefen,

Unbegriffen.

Aller Wässer trübe Wellen

Haben Quellen,

Die sind klar.

Alle Tränen, die geflossen,

Schmerzentsprossen •

Wunderbar

Steigen sie aus tiefem Schacht,

Aus des Lebens heil'ger Nacht.

Zu den Quellen steige nieder,

Dann erst singe deine Lieder

Und sei Harfe!

Unerfüllter Tage Sehnen,

Ungestillten Sehnens Tränen,

Brachtest Du, mein Gott, zur Ruh;

Deck' nun auch erbarmend zu

Meine Sünden, denn sie s ehr ei'n

Nach Erlösung, nach Verzeih'n!

Seit mein Sehnen still geworden,

Sanft sich löst in Grundakkorden,

Ist mir erst ihr Schrei bewußt,

Der mit Mißklang füllt die Brust:

Wilde Tiere, losgerissen

Von der Kette, dem Gewissen,

Das zu schwach war, sie zu halten,

Woll'n sie ihre Macht entfalten,

W oll'n sie ihre Nahrung haben,

Wie sie meine Wünsche gaben,

Unbedenklich, Jahr um Jahr!

Bleib' ich Sklave, weil ich's war?

Ungesühnte Sünden dringen

Auf mich ein, mich umzubringen!

Weicht! — Vorbei ist eure Zeit,

Schatten der Vergangenheit!

Auf die Schultern will ich laden

Alle Sühne, um geraden

Festen Schritts bergan zu steigen,

Bis sich mir entgegenneigen

Deines Himmels Wolkenschleier,

Und noch weiter, bis mein freier,

Ungetrübter, klarer Blick

Unbegrenzt ist wie mein Glück!

 

Überwunden

Sind die Stunden

Meines Sterbens —

Und ich lebe!

Und erhebe

Meine Stimme

Und ich klage

An und frage

Euch, ihr Priester des Verderbens!

Schreit ihr nicht durch alle Gassen,

Gottverlassen

Sei die Erde?

Und die Menschheit eine Herde

Triebbeseßner, pflichtvergeßner

Zufallswesen,

Preisgegeben einem Leben,

Das nichts birgt als den Genuß?

Und sein Schluß

Die Grabesstille!?

Keines Schöpfers hoher Wille,

Nur der Willkür blindes Spiel,

Ursachlos und ohne Ziel

Ist das menschliche Gewimmel!?

Über ihm ein leerer Himmel? ...

Die ihr solches lehrt und lebet,

Hört: Ihr gebet

Steine jenen,

Die voll Sehnen

Brot erbaten!

Eure Taten

Sind Verbrechen!

Wehe, wehe, dreimal wehe!

Eure Nähe,

Pesthauchgleich und krankheitsbringend,

Glückverschlingend!

Euer Lehren, euer Wehren ist vergebens!

Das Gesetz wird euch erfassen,

Denn wir lassen

Nicht vom Rufen!

Wir, die Toten,

Wir, die Boten

Ew'gen Lebens!

 

Los Gigantes

 

Und neuer Fähigkeiten frische Kraft

in ändern Leben neue Werte schafft,

und ein Erkennen löst das andre ab;

Erfahrung wird des früh'ren Wissens Grab.

Auch Wissen ist nur eine Sprosse auf der Leiter,

komm weiter!

Auch wir in Gottes Näh' und Licht,

auch wir im Geisterreich erschauen nicht

das Ende unsrer Leiter

und streben weiter!

Was weiß ein Mensch auf Erden denn vom ändern?

Wenn sie die gleiche Straße Seit' an Seite wandern,

hat jeder seine eigne Welt und Zeit.

Das Jetzt des einen ist Vergangenheit

dem ändern, weil er längst schon überwand

die Prüfung, eh' sie vor dem Bruder stand.

Vergeblich sucht er dessen Lebenslust zu dämpfen,

vergeblich spricht er ihm von eignen Kämpfen!

Ein jeder glaubt nur, was er selbst erlebt,

und sieht das Stück nur, das er selbst gewebt

am großen Teppich dieses bunten Lebens.

Drum such nicht Anerkennung deines Strebens,

streb nicht nach Beifall, streb nur um des Zieles willen!

Der Mensch kann nie des Menschen tiefste Sehnsucht stillen,

das kann nur Gott! - Doch in ihm wirst du finden

den Bruder auch, und dich mit ihm verbinden.

Denn aller Menschenliebe unerlöster Rest

geht auf in einem Ziel, das unverrückbar fest

und ehern steht . . . und aller Geister Blick

wird weit und wissend! Und der Welt Geschick,

des Lebens ganzer bunter Teppich ruht

zu ihren Füßen, und sie sehn ihr Gut,

des eignen Lebens Faden - hat er Gott genügt? -

dem bunten Teppichmuster sorglich eingefügt.

 

 

Los Gigantes 

Und was auf Erden ihnen unverständlich war,

die Vielfalt ihres Wesens, bietet sich nun dar

dem geist'gen Blick als schönes Farbenspiel.

Was sie getrennt erstrebten, jenes ew'ge Ziel,

dem sie verschiedne Namen gaben,

die sie oft mißverstanden haben -

die Namen waren es, die Erdenbrüder schieden,

des Ziels Erkenntnis erst eint sie zu ew'gem Frieden.

 

Los Gigantes

 

Die Sorgen haben ihre kalten Finger

mit hartem Giff um meinen Hals gelegt.

Noch atme ich und hoffe, Herr, und horche

in heißer Angst, wie lang mein Herz noch schlägt.

Und meine Lippen wollen Bitten formen

und können's nicht! Herr, hörst du nicht mein Herz?

Du, Vater alles Lebens, alles Liebens Quelle,

du siehst und stillst doch deiner Kinder Schmerz!

In dir ist aller Wesen Hort und Hafen;

wer irrend ihn verließ, kehrt wissend wieder ein.

Der kleinsten Motte Streben nach dem Lichte

ist Sehnsucht - Sehnsucht, wieder Dein zu sein!

Kamt, Sorgen, ihr, dies Sehnen zu erwecken?

Dann, harte Schicksalshand, drück mir die Kehle zu!

Den Körper kannst du brechen, nicht die Seele,

denn Gottes Diener, Schicksal, bist auch du!

So sei gesegnet, Leid und Not und Grämen,

du läuternd Feuer, drin mein Staub vergeht! -

Es wollten meine Lippen eine Klage formen

und, Vater, sieh - sie ward zum Dankgebet!

 

 

Los Gigantes

 

Sorge nicht, ob deine Taten

dir geraten!

Trage nur in reinen Händen

deiner Taten Opferspenden,

trag sie reinen Sinns ins Leben,

um sie opfernd hinzugeben!

Deines Denkens Haft entlassen,

sind sie nicht mehr zu erfassen,

nicht zu hindern, nicht zu halten,

stürmend wie Naturgewalten!

Was sie brechen, was sie spalten,

was sie stützen und gestalten,

ob es kränkt dich, ob's beglückt -

deinem Einfluß ist's entrückt

und entwachsen! - Denn du hast

nur den Stein zur Tat geschliffen;

hat das Schicksal ihn ergriffen,

weiß es schon, wohin er paßt;

fügt ihn ein dem Weltgeschehen,

fragt uns nicht, ob wir verstehen

Weltenbaues hohen Plan!

 

feurig

 

Faßt dich jetzt ein Zweifel an?

Denk, du trugst in reinen Händen

deiner Taten Opferspenden

und die Reinheit ist Gewähr!

Mag dich Menschenurteil richten,

deines Wirkens Frucht vernichten!

Doch die Taten bleiben hehr,

unverletzt und unverloren,

hat die Reinheit sie geboren!

 

hecke

 

Unerfüllter Tage Sehnen,

ungestillten Sehnens Tränen,

brachtest du, mein Gott, zur Ruh;

deck nun auch erbarmend zu

meine Sünden, denn sie schrei'n

nach Erlösung, nach Verzeihn!

Seit mein Sehnen still geworden,

sanft sich löst in Grundakkorden,

ist mir erst ihr Schrei bewußt,

der mit Mißklang füllt die Brust:

wilde Tiere, losgerissen

von der Kette, dem Gewissen,

das zu schwach war, sie zu halten,

woll'n sie ihre Macht entfalten,

woll'n sie ihre Nahrung haben,

wie sie meine Wünsche gaben

unbedenklich, Jahr für Jähr!

Bleib' ich Sklave, weil ich's war?

Ungesühnte Sünden dringen

auf mich ein, mich umzubringen!

Weicht! - Vorbei ist eure Zeit,

Schatten der Vergangenheit!

Auf die Schulter will ich laden

alle Sühne, um geraden,

festen Schritts bergan zu steigen,

bis sich mir entgegenneigen

Deines Himmels Wolkenschleier,

und noch weiter, bis mein freier,

ungetrübter, klarer Blick

unbegrenzt ist wie mein Glück!

 

 

Und willst du Wahrheit nur und nichts als Wahrheit haben,

dann suchst du sie, und lag' sie tief begraben,

und wüchse über ihr dein schönster Traum

so rosig, wie ein Kirschenblütenbaurn,

dann hast du Kraft, auch diesen Baum zu fällen

und seinen Duft zu missen und den hellen,

den Rosenschimmer, der dir Labsal war!

Und böte dir die Erde nichts als Steine dar,

denn auch in ihr ist Wahrheit nicht zu finden,

so hast du doch gesiegt, denn Überwinden

und Leid und Glauben haben dich erweckt!

Du hast die Wahrheit in dir selbst entdeckt!

 

Rose gelb

 

Du bist ein tiefer See, Vergänglichkeit,

und was an deinen Ufern lebt und freit

und sät und erntet, wirft sein zitternd Bild

auf deinen Spiegel und du nimmst es mild

und freundlich auf und läßt's getragen sein

vom Wellenspiel und saugst es dann in deine Tiefe ein -

und gibst geduldig ändern Bildern Raum,

und die am Ufer leben, merken's kaum

und glauben dich, Vergänglichkeit, besiegt,

wenn sich ihr flüchtig Bild auf deinen Wellen wiegt,

geheimnisreicher, wundertiefer See!

Wenn ich des Treibens müd an deinen Ufern steh'.

schau' ich auf dir der Menschen Tun und Lassen

im Bild verzerrt zu sinnlosen Grimassen

und danke dir, daß du, Vergänglichkeit,

mit in die Tiefe nimmst die Eitelkeit

der Welt, und danke dir, o Wind,

denn längst war' schon des Sees Spiegel blind

von Bildern, würde es dir nicht gelingen,

sie auszulöschen mit den weichen Schwingen.

Nur das, was Schatten wirft, fällt dir, Vergänglichkeit,

anheim, doch deine Tiefe birgt die Ewigkeit!

Du löscht nur aus, was auf der Oberfläche haften bleibt,

doch ewig ist der Geist, den es zu deiner Tiefe treibt.

 

Rose weiss

 

Es ist der Glaube keine Blüte,

die dir ein andrer reichen kann,

und war' sie lauter wie des Spenders Güte

und rein und unberührt, auch dann

wird sie bei dir das kurze Dasein fristen,

das eine Blume lebt im Wasserglas.

Der Glaube ist ein Baum, in dem die Vögel nisten,

und mächtig liegt sein Schatten auf dem schwanken Gras.

Greif nicht nach fremder Bäume Blüten,

den eignen zarten Glaubenskeim nimm wahr

und zieh ihn auf und such zu hüten

ihn vor des Zweifels Frostgefahr,

daß einst der Baum hoch in die Lüfte trage

sein Haupt und dir's mit Blüten lohne,

und daß sein Stamm, den Stürmen trotzend, rage

und seine Arme schirmend breite in der Krone!

 

 

Blumenwiese

 

 

Dir, du Sucher, ist gegeben

reinstes Glück und reichstes Leben,

denn nicht mühlos fällt's dir zu!

was du hast, erstrebtest du

und besaßest es im Streben

lange schon, gleichwie die Reben

schon im Weinstock sind enthalten,

eh' die Fülle sie entfalten

und mit Süße

seine Reife ihm vergalten.

Sucher, dir ist anvertraut

köstlich Gut: die Kraft, die baut

und gestaltet! Denn es schaut

zukunftsgläubig schon dein Blick

fernes Ziel, und das Geschick

trifft dich nicht mit blinder Wucht!

Was dich trifft, hast du gesucht

und erlitten und erstritten

wie ein Held! Du stehst inmitten

kämpfen der Gedankenheere:

Führ sie nun aus Kampfes Schwere

und Getümmel! Denn noch viel

wartet ihrer, und das Ziel

aller Kämpfe ist der Friede,

wo das Leiden wird zum Liede

und dem Suchen folgt das Finden

und dem Kämpfen das Verbinden

 

Kaktusblüte

 

alter Wunden und das Bahnen

neuer Wege! Hör mein Mahnen:

Sei denn, Sucher, aufgerufen,

mitzubauen an den Stufen,

die sich aus dem Dunkel heben

in das Licht - gleichwie die Reben

voll von Süße

aus dem kargen Boden streben.

 

 

Regentropfen