4.

Gedichte aus der Zeit

von November 1936 bis August 1939

 

 

I N H A L T S Ü B E R S I C H T

Es stehen Sterne über deinem Weg (3.11.1936 - aus Band 5)
In diesen Tagen mußt du gütig sein (Dezember 1936 - aus Band 4)
Nur wer am Ufer jenes Stromes stand (18.2.1937 - aus Band 4)
Ich ward geführt in einen großen Saal (23.2.1937 - unveröffentlicht)
Wie hebt die Totenklage um dich an ? (Frühjahr 1937 - aus Band 4)
So du mich liebtest, segne auch die Stunde (7.5.1937 - aus Band 4)

Von mir zu dir, von dir zu mir (12.5.1937 - aus Band 5)

Durch deine Augen schaue ich die Erde (4.8.1937 - aus Band 4)
Du stehst an einer Wende (31.8.1937 - aus Band 5)
Denn es gibt Zeiten (8.9.1937 - aus Band 4)
Dir zu jauchzen, Unnennbarer (2.1.1938 - aus Band 4)
Und wieder sandt' ich suchend meine Seele (30.1.1938 - aus Band 4)
Ihr nehmt zum Bau des Tempels kalte Steine (21.8.1938 - aus Band 4)

Wo du auch weilest, und ob du auch weltenweit wandelst (8.12.1938 - aus Band 4)

Diesen darfst du dich verpflichten (aus Band 4)

Nicht, die des Leidens bittre Bürde tragen (April 1939 - aus Band 4)

Mich ruft die blaue Weite (28.5.1939 - aus Band 4)
Laß blühen, was da blühen will (28.6.1939 - aus Band 4)

Sag nie: „Ich muß!" (aus Band 4)

Jeder Gedanke ist Saat (aus Band 4)
Trotz alledem vermag mein Mund zu singen (13.8.1939 - aus Band 4)

 

4.

G E D I C H T E

aus der Zeit

von November 1936 bis August 1939

 

 

Es stehen Sterne über deinem Weg,

der Gottheit ewig offne Augen strahlen.

Aus unsichtbarem Stoff baut sich ein Steg

und überwölbt das Tal der tausend Qualen.

Es ist der Sieg des Glaubens, der dich trägt,

wie du ihn bautest, kannst du ihn zerstören,

doch auch erhöhn, wenn Hohes dich bewegt,

Erfüllung ist er, seligstes Erhören.

Denn er ist das, was deine Seele glaubt.

Kein Abgrund kann dich in die Tiefe saugen,

glaubst du an Sterne über deinem Haupt,

an Gottes ewig offne Sonnenaugen.

 

 

 

In diesen Tagen mußt du gütig sein

und deines Liebens Lichtlein jenen zugesellen,

die sich gemeinsam mühn, mit ihrem Schein

der Zeiten Dunkel tröstlich zu erhellen.

 

Nach Wärme lechzt die Menschheit und erfriert,

weil jeder nehmen will und keiner geben!

Weißt du, wie schwer sich hier das Licht gebiert?

Aus stein'gern Boden muß sich bebend heben

der in die Knospe eingesenkte Strahl,

und offenbaren einem feindlich starren Leben

die lichtgewobnen Blätter sonder Zahl.

 

Steh vor dem Wunder still:

Christrose blüht im Schnee

und sie, die geben will,

erleidet Winters Weh.

 

In diesen Tagen mußt du leise sein.

Noch liegt von zitternd Glück ein Schleier rings gebreitet

und hüllt Maria mit dem Kinde ein.

Urwissen, das des Kindes Augen weitet,

löscht bald genug des Mutterglückes Schein.

 

Der Kreuzesschatten steht am Horizont

noch unbemerkt. Maria neigt sich nieder

mit einem Lächeln, das die Welt besonnt

und singt dem Himmelskinde Schlummerlieder.

Sei stille, stille - daß ein Klang nur fällt

in dein ergriffnes Herz, dann klingt er lange wider

aus deinem Herzen in die weite Welt.

 

Da werden viele still,

weil keiner stören will

der Rose Blühn im Schnee.

Da taut des Winters Weh.

 

 Blumen

 

Nur wer am Ufer jenes Stromes stand,

der Tod und Leben scheidet und verbindet,

den Fuß schon wellumspült im Ufersand,

das Antlitz schmerzdurchwühlt hinabgewandt,

und dennoch keiner Klage Wehlaut fand -

nur der kann Deuter sein dem Diesseitsland,

weil er des Diesseits Sinn im Jenseits findet.

 

Dann hebt er seinen Blick, den leidverklärten,

und schreitet aufrecht in die Welt zurück,

umblüht vom Glanz und Duft der fernen Gärten,

umglüht von Feuern, die sein Herz Versehrten,

und trägt den Trost für alle Schmerzbeschwerten

und trägt - was ihm die Himmel nicht gewährten

in leer gewordnen Händen andrer Glück.

 

 RoteBlumen

 

 

Ich ward geführt in einen großen Saal

und bat um Licht. Da sprach die große Stille:

„Erschaue denn der Menschenherzen Zahl,

die du entflammt mit deines Liebens Strahl!

An dir geschehe unsres Vaters Wille!''

 

Da sprangen Flämmlein auf wie goldne Herzen,

da ward es warm und hell von vielen Kerzen,

die standen stumm und feierlich im Raum,

wie Kerzen brennen still am Weihnachtsbaum,

und jedes Licht mußt' ich mit Namen nennen

und konnte seines Liebens Maß erkennen.

 

Doch eine Flamme ward zum Feuerbrand,

ein lodernd Licht und sonnengleiche Helle -

ich wollte löschen, retten, doch da stand

die große Stille mit erhobner Hand

und bannte mich gebietend an die Stelle.

 

Und sprach: „Laß ab, nicht löschen, nur entzünden

darfst du das Licht! Noch kannst du nicht ergründen

das Maß, das Gott der Liebe hat gesetzt.

Dies Licht brennt nicht zu stark, erkenne jetzt:

Zu schwach und matt nur sind die ändern Flammen -

laß loh'n auch sie mit diesem Licht zusammen!"

 

 

 

Wie hebt die Totenklage um dich an?

Wo ist ein Wort, das dich erreichen kann?

Du warst auf meinem Wege wie ein Baum,

so zuverlässig wurzelstark und still,

du fülltest treu den dir gesetzten Raum.

Und das ist alles, was ich sagen will.

So wenig und so viel. In einer Welt,

die frösteln macht, warst du mein grünes Zelt.

Du liegst gefällt. Gefällt? Ich seh' dich blühn!

Ich seh' dich auf dem Berg im Abendglühn,

so hoch, so hoch - und weit. - - Doch manchesmal

weht mir der Wind ein grünes Blatt ins Tal.

So sagst du mir: ,, Ich will nicht, daß du weinst,

du stehst in meiner Liebe heut' wie einst!''

 

 

 

So du mich liebtest, segne auch die Stunde,

da mich der stille Engel sanft geküßt,

weil ich um alle deine Klagen wüßt'

und alle Qualen mit dir leiden müßt',

auch jene, die du trägst mit stummem Munde.

 

Gott gab die letzte Weihe unserm Bunde,

nicht Trennung, nur Verwandlung ist der Tod!

Ins Licht erhoben, seh' ich alle Not

und alles Glück, das uns die Erde bot,

als lichtes Bild auf einem goldnen Grunde.

 

 

 

Von mir zu dir, von dir zu mir

spannt sich die schwingende Brücke des Schweigens,

klingen die Klänge des himmlischen Reigens,

schwingend im Rhythmus des Fallens und Steigens,

im Atem der Gottheit, im Atem des Schweigens,

und du und ich verglühn im Wir.

 

 

 

 

Durch deine Augen schaue ich die Erde,

durch deine Seele seh' ich sie verklärt,

seitdem ich leibbefreit und unbeschwert

zu neuen Fernen dringe, die mich riefen.

 

Ich bin nicht tot und du bist nicht allein,

gebunden bleibt das Band, das uns verbindet,

und wie dein Herz in mir den Schutz, so findet

das meine seine Erdenrast in dir,

 

wenn es, vergangnem Leben zugewendet,

des Erdendaseins Sinn zu deuten strebt;

und in dem Maße, als es sich erhebt,

hebt es zu neuem Fühlen auch das deine.

 

Durch deine Augen schaue ich die Erde -

du kannst durch meine jene Sphären sehn,

durch die wir Hand in Hand nun weitergehn,

bis wir den Ursprung alles Leuchtens finden.

 

 

 

 

Du stehst an einer Wende,

ein Weg ist nun zu Ende,

ein neuer Weg beginnt.

Doch der den Faden spinnt,

den Faden deines Lebens,

macht mächtig dich des Gebens

zum Lohne deines Strebens

im ewig reichen Jetzt.

Stets stehst du an der Wende,

 

stets ist ein Weg zu Ende,

und jeder Augenblick

verwandelt dein Geschick.

Oh wanderfrohe Seele,

nicht Tag noch Stunden zähle,

erkenne und erwähle

der Gottheit ew'ges Jetzt.

 

 

 

 

. . . Denn es gibt Zeiten,

da hören wir der Unsichtbaren Füße schreiten

und fühlen ihre Hände, die uns liebend leiten,

und sind geborgen und voll Zuversicht.

 

Die Sorgen mögen gehen oder kommen,

ob uns geschenkt wird oder nur genommen -

an unsre letzten Tiefen rührt es nicht.

Die stehen nur im ewig jungen Hoffen

den Stimmen jener Unsichtbaren offen,

durch die der Herr uns seinen Segen spricht.

 

. . . Das sind die Zeiten,

da wir dem Zwange dieser Erde sacht entgleiten

und eingehn in die Freiheit ungemessner Weiten

und aufgehn in dem schattenlosen Licht!

 

 

 

 

Dir zu jauchzen, Unnennbarer,

wollt' ich aller Welten Werden,

aller Wesen Lust erleben.

Dir zu dienen, einzig Wahrer,

könnt' ich aller Qual auf Erden,

allem Weh mich willig geben.

 

Dir zu leben, dir zu sterben,

nehm' ich Wachstum wie Verderben

mit der gleichen Inbrunst hin.

Dich zu finden, zu ergründen,

muß ich alle Fackeln zünden,

muß ich alle Wege ziehn.

 

Alle Welten zu durchmessen -

um der Welten zu vergessen,

wenn dereinst im Abendglühn

Du, Allew'ger, mir begegnest,

meines Suchens Sehnsucht segnest

und mit Lächeln krönst mein Mühn.

 

 

 

 

 

Und wieder sandt' ich suchend meine Seele,

die sehnsuchtsheiße, auf die Wanderschaft,

daß sie nach lautem Tag hinweg sich stehle,

sich löse aus des Körpers Kerkerhaft

und sich dem grenzenlosen All vermähle.

 

Es spann die Nacht des Schlummers weiche Schleier,

darin geborgen ruht, was erdhaft ist,

doch wache Seelen macht der Schlummer freier,

er weitet unsrer Nächte karge Frist

zur zeitentrückten Auferstehungsfeier.

 

Endlosen Zuges sah ich Seelen schweben,

wie Nebel über Abendwiesen zieht,

und Wissen um ihr Wollen, Hoffen, Streben,

um ihr Geheimnis, das der Blick verriet,

und Mitfühl'n ihrer Not ward mir gegeben.

 

Ich sah der Hände rührende Gebärde -

sie brannten Fackeln an am Sehnsuchtsziel,

doch oft begab es sich im Drang der Erde,

daß ihnen ihrer Sehnsucht Licht entfiel,

dann gab's ein wärmend Feuer nur im Herde.

 

Doch jenen, die um einen Herd sich scharen,

ist schon sein kleines Feuer Licht genug,

um seiner Wärme Tröstung zu erfahren;

denn jeglichen trägt seiner Sehnsucht Flug

ein Stückchen weiter auf dem Weg zum Wahren.

 

Da wußte ich: Die Sehnsucht ist die Kette,

an der uns Gott in seinen Himmel hebt.

Es blieb' an seinem Platz, wer sie nicht hätte,

doch andre reißt mit sich, wer weiter strebt

von Ziel zu Ziel zu Gottes heiiger Stätte.

 

 

 

 

 

Ihr nehmt zum Bau des Tempels kalte Steine,

aus Splittern fügt Gedankenmosaik der eine,

Gigantenblöcke türmt der andre auf.

 

Doch Gottes Tempel ist das warme Leben,

sein Atem der Geschöpfe Jauchzen und Erbeben,

sein Wirken der lebendige Verlauf!

 

Er ist das Feuer in Myriaden Flammen,

die lodern müssen, weil sie seinem Licht entstammen,

bis sie der Sehnsucht goldne Glut verzehrt. - -

 

Wer Stein zu Stein fügt, wird IHN nie ergründen.

Die Gotterkenntnis kommt als Blitz -

und kommt zu zünden!

Gib dich der Flamme! und du bist verklärt.

 

 

 

Wo du auch weilest, und ob du auch weltenweit wandelst,

ob uns Gebirge und Meer oder Milchstraßen trennen,

Tode uns scheiden und Wolken dich schattend umdüstern,

oder auf fremdem Gestirn eine schönere Sonne dir leuchtet •

 

immer und überall weiß dich mein Sehnen zu finden

und meine Liebe erkennt dich in jeder Gestaltung,

dich, den auf lautlosen Flügeln der Tod mir entführte:

Siehe, so folg' ich dir ewig durchs All,

um dir ewig zu danken!

 

 

 

 

Diesen darfst du dich verpflichten,

die mit stillen Stimmen sprechen,

dich erheben, nicht zerbrechen,

weil sie segnen, statt zu richten.

 

Die da schreien oder schelten,

sagen selten etwas Gutes,

niemals etwas Frohgemutes -

Tor, dem sie den Tag vergällten!

 

Wenn im Lenz die Bäume sagen,

,,Horch, wir können wieder rauschen!",

ja, mein Herz, dann darfst du lauschen;

heilig sind, die Blüten tragen!

 

Gott ist da, wo Früchte reifen,

alle Weisheit liegt im Werden,

wie im Himmel, so auf Erden.

Nur wer schenkt, kann Gott begreifen!

 

 

 

 

 

Nicht, die des Leidens bittre Bürde tragen,

nicht, die da weinen, soll dein Herz beklagen.

Sie sind bei Gott, sein Glanz ist ihnen nah.

Auch jene, die da schmachten hinter Mauern,

die Sehnsuchtsheißen mußt du nicht bedauern.

Es harret ihrer, was kein Auge sah.

 

Nur solche, die des Fühlens sich entschlagen,

die, schon erstickt in Sattheit und Behagen,

noch meinen, daß ihr Wandel Tugend war':

Die sind's, um welche alle Himmel trauern!

Wer sich nicht schenken will den heiigen Schauern,

trägt keine Frucht, denn er ist wüst und leer.

 

 

 

 

 

Mich ruft die blaue Weite,

der ich entgegenbreite

die Arme und das Herz!

 

Was alle Glocken läuten,

versteht mein Herz zu deuten,

es spricht ihr Mund von Erz:

 

Sei stark wie wir und töne,

den Widersinn versöhne

durch eigner Klarheit Kraft!

 

So wirkst du in die Weite,

gibst allen das Geleite

auf ihrer Wanderschaft.

 

 

 

Laß blühen, was da blühen will,

denn du bist Gottes Land.

Wer nicht empfangend hielte still,

blieb unfruchtbar wie Sand.

Der Sämann und die Schnitter gehn

und tun nach ihrer Pflicht.

Bleib reifend ruhn im Lüftewehn

und auf getan dem Licht.

Es wächst in dir, was wachsen soll,

laß nur dem Werden Zeit.

Bald stehst du allen Segens voll

in Sommerseligkeit!

 

 

 

 

Sag nie: „Ich muß!" - Du schmiedest eine Kette!

Nicht Sklave, frei geboren ist der Geist.

Es ist sein Rat, der deinen Weg dir weist.

Erwarte nicht, daß dich ein Mensch errette.

 

Du selbst hast Macht, dein Wesen zu verwandeln,

und deine Wandlung wandelt dein Geschick.

Dem Zwang entwachsend, schmiedest du dein Glück.

Das Königswort »Ich will!« bestimmt dein Handeln.

 

Sag nie: »Ich muß« - Das ist ein Wort für Knechte.

Der Weise will und nimmt die Pflichten an.

Es dient sich selbst, der ändern dienen kann.

Sein Wollen wahrt ihm seine Königsrechte!

 

 

 

 

Sag nie: „Ich muß!" - Du schmiedest eine Kette!

Nicht Sklave, frei geboren ist der Geist.

Es ist sein Rat, der deinen Weg dir weist.

Erwarte nicht, daß dich ein Mensch errette.

 

Du selbst hast Macht, dein Wesen zu verwandeln,

und deine Wandlung wandelt dein Geschick.

Dem Zwang entwachsend, schmiedest du dein Glück.

Das Königswort »Ich will!« bestimmt dein Handeln.

 

Sag nie: »Ich muß« - Das ist ein Wort für Knechte.

Der Weise will und nimmt die Pflichten an.

Es dient sich selbst, der ändern dienen kann.

Sein Wollen wahrt ihm seine Königsrechte!

 

 

 

 

Jeder Gedanke ist Saat,

einst, über kurz oder lang,

fuhrt durch dies Feld dich dein Gang.

 

Jeder Gedanke ist Tat,

einst, über lang oder kurz,

wird er dein Sieg oder Sturz.

 

Wie dir das Schicksal auch naht,

nenn es nicht fremde Gewalt,

du bist's in eigner Gestalt.

 

 

 

Trotz alledem vermag mein Mund zu singen

inmitten dieser mißklangreichen Welt!

Die Quellen, die dem heil'gen Berg entspringen,

ergießen sich, der Erde abzuringen

das Frühlingsgrün, das nährend sie erhält.

 

Mag sich der Haß die hohen Mauern bauen,

ich hab' ein Herz, das dennoch lieben kann!

Es reicht, so weit die Himmel Gottes blauen

und kann aus Sonnenhöhen niederschauen - -

von oben sieht sich alles anders an.

 

Weil ich mit Mitleidlosen Mitleid spüre,

floß hoher Lieb' Erlösungskraft in mich

und öffnet alles Seins geheime Türe.

Willst du, daß ich dich ihr entgegenführe?

Die Regenbogenbrücke trägt auch dich!