G E D I C H T E

AUS BAND 3 DER ERSTAUSGABE

( Herbst 1934 bis Herbst 1936 )

 

 

I N H A L T S Ü B E R S I C H T

 

Gedichte aus Band 3 der Erstausgabe

(Herbst 1934 bis Herbst 1936)

 

Ich kann nicht mehr!

Und müde Menschen stehn am Weg und warten

„Mich dürstet nach der Wahrheit!" sprach der Tor

Wandle, o Wissender, würdig den Weg des Gesetzes

Nimm hin die unsichtbare Wehr

Ertrage noch, ertrage

Erlösung kommt von innen, nicht von außen

Du trotzige Tanne, was stehst du allein

„Schließ die Türen, schließ die Fenster"

Glühende Lava des Leidens

Der Namen viele trug ich durch die Zeit

Heiliges Leben! Unzählbare Formen erfüllend

Verheißung stieg im Traume

In meine Seele fiel ein schweres Weh

Frühling ist in mir und Freuen!

O des Lebens wunderhelle Silberquelle!

Ich folg' dem fernen Klang

Schon baut die Nacht zum Morgenrot

Nur gegen euch, ihr Lauen, kann ich für euch kämpfen!

Nicht Gott verhüllt geheimnisvoll sein Walten

Wer wirken will, muß warten lernen

Es ist dem Geist gegeben

Künstlerschaft ist das Vermögen

Noch wißt ihr nicht um eure hellsten Stunden

Getragen von der Lust der lauten Stunden

Karg wie mein Tag war sein Ertrag

Es ist mein Schmerz erstarrt

„Weihnachtsengel, bring den Frieden!"

Urew'ge Liebe, Anfang und Vollendung

 

 

 

 

 jardin43

Ich kann nicht mehr! Mein Planen ist zu Ende

und meines Hoffens kleine Stimme schweigt.

Nur Steine sind's, an die ich mich verschwende;

sooft ich sie bezwing', dröhn neue Felsenwände

und mehren meines steilen Wegs Beschwer.

Ich kann nicht mehr!

 

Zog ich nicht aus, dem Wunder zu begegnen,

und stieg herauf, dem Lichte nah zu sein?

Und war bereit, zu glauben und zu segnen -

und fand nur Stein!

 

Zurück ins Tal! Die Nebelgeister schweben

und weben graue Schleier um die Stadt,

in deren Schutz die Sehnsuchtslosen leben,

die ihre Güter tauschen und den Blick nicht heben,

wenn sich ein Lichtstrahl scheu zu ihnen stahl . . .

Zurück ins Tal - ?

 

Nein! Lieber sterben angesichts der Sterne!

Die nach mir kommen, nützen meine Spur,

bis einmal einer siegt! Ich war ihm gerne

der Wegbereiter nur.

 

 jardin49

 

Und müde Menschen stehn am Weg und warten

und sehn durch Gitter einen fremden Garten

und halten ihrer Hände leere Schalen

vom Morgenlicht bis zu den letzten Strahlen

und halten ihre glückbereite Seele offen

und hoffen -

wie du.

 

Schau, alle Menschen stehn am Weg und warten,

durch Gitterstäbe sehn auch die im Garten.

Nur Geberhände sind gefüllte Schalen.

Schenk dich dem großen Licht! Im Miterstrahlen

vergiß dich selbst! Doch allen, die da leidend hoffen,

sei offen -

auch du.

 

 jardin50 

„Mich dürstet nach der Weisheit!", sprach der Tor

und sandte Knechte aus ins Land der Weisen,

daß sie mit Eimern schöpften aus dem Strom

die Wasser, die das Land der Weisen speisen.

 

Drauf schleppten sie das Naß, viel Eimer voll,

durchs dämmerkühle Tor der Stadt der Enge.

Was nicht verschüttet ward, das schmeckte schal -

und so verfiel der Trank dem Hohn der Menge.

 

Im Pilgerkleide schritt der Tor

aus jener Stadt der vielen wirren Gassen

und sah die Seinen teil'n sein Hab und Gut

und ging dahin, verlästert und verlassen,

 

und trug der langen Wanderstraße Staub

von Land zu Land, von Hoffnung zu Entsagung -

und trank aus jedem Quell und schöpft' aus jedem Strom

doch seiner Seele Durst blieb ohne Labung.

 

Am Straßenrand sank er ermattet hin

„ein leerer Krug", so schien es ihm im Traume -

und zahllos standen Krüge neben ihm,

so weit sein suchend Auge reicht' im Räume.

 

Vom Himmel fiel ein Regen goldnen Lichts

und füllte bis zum Rand die leeren Krüge,

doch wenig faßten die, die überquoll'n

vom trüben Trank aus Leid und Lust und Lüge.

 

Und eine große Stimme kam herab

aus ungemeßner, unerfaßter Ferne -

und lichterblindet neigt der Tor sein Haupt -

und Worte fallen über ihn wie Sterne:

 

„Du suchtest mich, doch ich bin dort wie hier

und immer! - Hör, was ich dir heut' enthülle:

Die Wasser ew'gen Lebens sind in dir!

Wer leer und rein ist, faßt der Weisheit Fülle!"

 

jardin51 

 

Wandle, o Wissender, würdig den Weg des Gesetzes,

das zu ergründen du suchst mit des Strebens Geduld.

Löse die letzte der Maschen des weltlichen Netzes,

der du ums Ziel weißt, bei dir erst wird Irrtum zur Schuld.

 

Beispiel und Vorbild nur können den Menschen belehren,

Wissen muß jeder, wie du, sich erwerben allein.

Erst wenn dein Wandel bezeugt deines Wissens Bewähren,

wirst du ein Weiser und ändern ein Wegweiser sein.

 

 jardin52

 

Nimm hin die unsichtbare Wehr,

gehärtet in des Lebens lautrer Schmiede,

geglüht in deiner Leiden Loderflammen,

geschärft am harten Wetzstein Wirklichkeit

sie ist geweiht!

 

Ihr eignet sonderliche Kraft,

daß sie verwandelt, aber nicht verwundet,

daß sie begeistert, ohne zu versengen,

und der Verblendung buntes Bild zerstört -

eh es betört.

 

Nicht ein Geschenk, dein Eigen nimm

und wahre wissend ihres Wirkens Wunder!

Denn deinem Geist entströmen ihre Kräfte,

die Schöpferkräfte, die er einst verdarb -

und neu erwarb.

 

 jardin54

 

 

Ertrage noch, ertrage

die grau verhangnen Tage,

wir Wolken weilen nicht!

Wir tragen eure Tränen

in großen grauen Kähnen,

bis wir vergehn im Licht.

 

Daß sich die Last nicht mehre,

daß mild sie sich verkläre,

leg noch ein Lächeln zu!

Dann wird wie blaue Seide

und Sonnengoldgeschmeide

dein Himmel, glaub uns, du!

 

Vertraue doch, vertraue!

Wir segeln sacht ins Blaue

mit deines Leides Last,

bis wir im Licht der Ferne

so gerne, ach, so gerne

verglühn zu goldnem Glast . .

 

 jardin55

 

Erlösung kommt von innen, nicht von außen

und wird erworben nur, und nicht geschenkt.

Sie ist die Kraft des Innern, die von draußen

rückstrahlend deines Schicksals Ströme lenkt.

 

Was fürchtet du? Es kann dir nur begegnen,

was dir gemäß und was dir dienlich ist.

Ich weiß den Tag, da du dein Leid wirst segnen,

das dich gelehrt zu werden, was du bist!

 

 

 

 

 

Du trotzige Tanne, was stehst du allein,

was fliehst du der Schwestern geordnete Reih'n,

du argloses, achtloses Kind?

Du willst wohl die Welt und die Wolken sehn,

doch mußt du so nah an der Straße stehn,

so nah, daß ein Wagen dich niederstieß?

Nun klag es dem, der dich trotzig sein hieß,

nun klag es dem vorlauten Wind!

Was kümmert's den Wagen, der dich überfuhr?

Er zieht seiner rastlosen Räder Spur

durch alle, die unter ihm sind.

 

Die Schwestern im Walde stehn streng und steil,

ihr Plätzchen ist eng, doch ihr Körper ist heil,

für dich und dein Leid sind sie blind.

Dein Stamm bleibt geknickt - und doch trauerst du nicht,

du sehnst dich und dehnst dich und hebst dich zum Licht,

zu neuem, erlöstem, begnadetem Sein

und breitest die Arme im Sonnenschein!

Von denen, die wegmüde sind,

schon mancher durch dich zu sich selber fand,

du knieender Beter am Straßenrand.

 

 jardin57

 

 

„Schließ die Türen, schließ die Fenster,

die Novemberluft-Gespenster

drängen, drücken sich herein!

Sag, wie soll ich sie vertreiben?

Dunkelheit hockt vor den Scheiben

wie ein sprungbereites Tier,

und auf leisen Raubtiersohlen,

seine Beute sich zu holen,

schleicht der Wind - bald dort, bald hier

reißt er tückisch eine Ecke

vom Gesimse -, schnell, verstecke,

schnell, errette mich vor ihm!"

 

Kind, mein Kind, du siehst Gespenster,

weil du zwischen Tür und Fenster

wie in einer Festung haust!

Deine Seele geht gefangen

zwischen Bangen und Verlangen,

zwischen Mauern, die du baust,

hin und her und auf und nieder.

Klingt dein Schritt gespenstisch wider,

ist's das Echo nicht allein!

Hinter feindlich starken Mauern

hört sich Bitten an wie Lauern,

sieh, mein Kind, das macht der Stein!

 

 25

 

 

Glühende Lava des Leidens,

zu steinernem Strome erstarrend,

reißt nur die lieblosen Herzen

mit sich in den Strom des Erkaltens.

Du aber weißt um die Kunst der Verwandlung,

o flammende Seele,

du allein wandelst der Trübsal

gewaltig sich wälzende Woge

furchtlos im Feuer der lodernden Liebe zu lauterem Golde.

 

 

 jardin60

 

 

Der Namen viele trug ich durch die Zeit,

von ihrer Last hat mich die Zeit befreit.

Denn Namen sind wie Rahmen um ein Bild

und schließen ein, was trotzig oder mild,

was lächelnd oder wichtig blickt und prahlt,

und doch nur Fläche ist und nur gemalt,

ein Teil des Wesens nur, ein blasser Schein.

Kein Rahmen faßt des Geistes ganzes Sein.

 

Der Namen viele trug ich durch die Zeit,

sie sind mir fremd und glänzen matt und weit.

Von manchen bröckelt Ruhm wie Blattgold ab

und sinkt zu Längstvergessenem hinab.

Das bißchen Gute, das ich je vollbracht,

gab weiter ich an den, der's besser macht.

In jedem Bild gemahnt ein Zug an mich,

ein Zug, nicht mehr, erst alle sind mein Ich!

 

Der Namen viele trug ich durch die Zeit

zum namenlosen Strand der Ewigkeit

und tauch' ins Meer der Namenlosigkeit . . .

 

jardin61

 

 

Heiliges Leben!

Unzählbare Formen erfüllend,

Formen verwandelnd, zerbrechend und neu dich umhüllend,

strömst du, o Atem der Gottheit, durchs endlose All!

 

Deiner Geschöpfe vereinigtes Rufen und Ringen,

weltenumwälzender Taten gigantisch Vollbringen

ist deines mächtigen Rufes rückkehrender Schall.

 

 jardin62

 

Verheißung stieg im Traume

aus endlos tiefem Räume

und sprach: „Was deine Sehnsucht sucht, ist dein!

Du wirst viel Tränen stillen

und leere Hände füllen

und wirst der Gottesgabe Geber sein!"

 

Der Tag ging hin im Warten -

die Frucht in meinem Garten

blieb karg und kümmerlich wie eh und je,

und dennoch fand das Zeichen

Erfüllung ohnegleichen,

in deren Glanz ich wie ein König steh'.

 

Und ward mir zugemessen

der kleinste Teil nur dessen,

was ich erstrebte und erbat für mich,

so ward mir doch die Gabe,

zu teilen meine Habe

mit denen, die noch ärmer sind als ich.

 

 jardin65

 

 

In meine Seele fiel ein schweres Weh,

gleich wie ein Stein in einen tiefen See,

und um die Wunde, die der Stein geritzt,

aus der erst springquellgleich das Leben spritzt,

baut Heilung ihre Dämme, Ring für Ring . . .

Bald blaut mein See gestillt, das Weh verging,

verzitternd uferwärts im letzten Kreis.

Die Tiefe aber gibt ihr Weh nicht preis,

denn jeder Stein befestigt ihren Grund,

hilft tragen ihrer Wasser weites Rund.

So wird gewandelt Weh zum Fundament,

so wird zum Segen, was man Schmerzen nennt.

 

 jardin66

 

In meine Seele fiel ein schweres Weh,

gleich wie ein Stein in einen tiefen See,

und um die Wunde, die der Stein geritzt,

aus der erst springquellgleich das Leben spritzt,

baut Heilung ihre Dämme, Ring für Ring . . .

Bald blaut mein See gestillt, das Weh verging,

verzitternd uferwärts im letzten Kreis.

Die Tiefe aber gibt ihr Weh nicht preis,

denn jeder Stein befestigt ihren Grund,

hilft tragen ihrer Wasser weites Rund.

So wird gewandelt Weh zum Fundament,

so wird zum Segen, was man Schmerzen nennt.

 

 jardin79

 

 

Frühling ist in mir und Freuen!

Hoffend harr' ich stets des Neuen,

sehnend seh' ich schon den Morgen,

der, im Abendrot verborgen,

seines Lichtes Sieg mir kündet

und die Freudenfeuer zündet!

Was mir Schönes ist begegnet,

hat der Morgen mir gesegnet.

 

Was mich heute quält und drückt,

morgen ist es längst entrückt.

Was ich töricht heut versäumte,

hol' ich nach, wenn der erträumte,

der ersehnte Morgen tagt,

schenkend, was das Heut' versagt.

 

Mich dem Licht entgegenfreuend,

bessermachend statt bereuend,

unterwegs und doch geborgen,

eil' von Morgen ich zu Morgen,

mühelos, wie Lerchenstimmen

ihres Jubels Höh' erklimmen,

sieggewiß wie dieser Zeit

frühlingshafte Freudigkeit.

 

 jardin68

 

 

O des Lebens wunderhelle

Silberquelle!

Ungestüm drängt Well' um Welle,

pulsend aus geborgnen Tiefen,

drin die Himmelswasser schliefen

lange - lange -

bis im Sehnsuchtsüberschwange

selig sie dem Stein entstiegen.

Sie, die lange, lange schwiegen,

wollen reden, raunen, rauschen,

mit dem Echo Grüße tauschen

in der morgenfrischen Kühle,

und in Sommermittagsschwüle

Blumen tränken,

Labsal schenken.

 

Kommt der Abend dann, der immer

seinen Dämmerteppich breitet,

daß die Nacht im Sternenschimmer

unhörbar darüberschreitet,

hebt die Quelle an zu singen . . .

bis die schlafbefangnen Seelen

unbewußt im Miterklingen

sich dem Himmelsglanz vermählen.

Du, von allen Wundern helle

Silberquelle!

Wer wie du aus Nacht gekommen,

weiß zur Nacht mit fröhlich frommen

Silberstimmen süß zu trösten,

mit dem Wissen der Erlösten.

 

 jardin70

 

 

Ich folg' dem fernen Klang

und hör' den fremden Sang

vom erdentrückten Land herüberwehn -

opalne Nebel schieiern seine Pracht.

Ich hab' es nie gesehn

und doch, seit ich gedacht,

zur Heimat mir gemacht.

 

Als ich den Klang verlor,

ging ich durchs dunkle Tor

wie alle, die der Welt verpflichtet sind,

des Staubes Herr, der Mühsal müder Knecht,

und bat den Sommerwind,

daß er mir wiederbrächt'

mein altes Heimatrecht.

 

Ich geh' der Zeit entlang -

ihr macht mir nimmer bang

mit eurem Wichtigtun um Nichtigkeit,

doch ihres Lächelns Licht verrät mir die,

mit denen zeitbefreit,

nach gleicher Melodie

ich meine Straße zieh'.

 

jardin73 

 

Schon baut die Nacht zum Morgenrot

die glitzernde Brücke aus Tau.

Streif ab die drückenden Schuhe der Not,

den engenden Gürtel, das Erdengebot,

dann trägt dich ihr luftiger Bau.

 

Verschwebend wie ein Moll-Akkord

entschwindet dir jegliche Qual,

und was auf Erden dir welkt und verdorrt,

entblüht deinen Tränen, entsprießt deinem Wort

in diesem geheiligten Tal.

 

Entriegelt ist das Tor der Nacht

dem ehrfürchtig strebenden Geist.

Dein Werk in der Wirkung erschau mit Bedacht,

und bist du zum irdischen Morgen erwacht,

dann tu, wie dein Wissen dich heißt.

 

 jardin67

 

Nur gegen euch, ihr Lauen, kann ich für euch kämpfen!

Was nützt' ich euch, wollt' ich die Stimme dämpfen,

ein Stummer, kann er andre sprechen lehren?

Ich bin gesandt zu jenen, die sich wehren,

und denen, die mir meinen Weg erschweren,

soll Führer ich und Wegbereiter sein.

 

Der Leidgewohnten stumpf getragnes Leid zu lindern,

für die zu wirken, die mein Wirken hindern,

dem Moor der Mittelmäßigkeit zu widerstreben,

es auszutrocknen, seinen Grund zu heben -

nur gegen euch vermag ich's euch zu geben,

mein flammend »Ja« in euer träges »Nein«!

 

 Gomera - die grüne Insel

 

 

Nicht Gott verhüllt geheimnisvoll sein Walten,

den hüllend Schleier trägst, o Mensch, nur du.

Die Stimmen schwiegen nie, die allen galten,

von deren Klang die Himmel widerhallten,

vor dir nur tat des Paradieses Tor sich zu.

 

Du gehst im Licht und siehst nur, daß die Strahlen

der Dinge Schatten auf den Boden malen,

der Dinge Wesen siehst und suchst du nicht.

Es predigt dir das schattenlose Licht

und Erd' und Himmel woll'n dir Antwort geben;

dein friedlos Fragen nur und friedlos Leben

ist schuld, daß du die Antwort nicht verstehst

und unerlöst durch ungelöste Rätsel gehst.

 

Erlöser sollst du sein in Gottes Garten

und hörst die Stimmen nicht, die hilflos zarten,

und weißt es nicht, wie alle Wesen warten -

doch eine Stimme ist, die überhörst du nicht!

Weh - wenn des Sturmes starke Stimme spricht!

 

 Gomera - die grüne Insel

 

Wer wirken will, muß warten lernen,

nichts schadet mehr als ungereifte Tat,

dem Mutterschoß vorschnell entriss'ne Saat,

obgleich die Menge solches Tun bejaht

und laut als Sterne preist die Blendlaternen.

 

Die wahre Tat zu tun, die klare, reine,

die gottgewollte, die dein Sehnen ahnt,

die vielen Suchenden den Lichtweg bahnt -

bleib fest im Warten, bis mein Ruf dich mahnt.

Dann stehe auf und tu das Deine!

 

 

 Gomera - die grüne Insel

 

Es ist dem Geist gegeben,

sich machtvoll zu erheben

und im Emporgestalten

der Welt sich zu entfalten.

 

Und liegt die Welt darnieder,

erkenn dich in ihr wieder

und gib ihr neue Prägung

durch geistige Erhebung!

 

 Gomera - die grüne Insel

 

Künstlerschaft ist das Vermögen,

aus allen vorhandenen Kräften

jene nur weise zu wählen,

die zwanglos sich einen und binden,

weil sie, gemeinsamer Wurzel entwachsend,

in grünenden Schäften

Wissen ums Eins-Sein bewahren,

bis sie in der Krone es finden.

 

Wahrhaft ein Künstler zu sein,

heißt dem heimlichen Klang nachzuspüren,

mitleidend seine im Chaos des Fremdlauts

verstummende Trauer,

um ihn durch sorglich gereihte Akkorde

zur Lösung zu führen,

gleich wie uns Menschen zur Heimat geleitet

der Weltenerbauer.

 

 

  Teneriffa

 

Noch wißt ihr nicht um eure hellsten Stunden,

noch ist euch unbewußt die schöpferische Kraft,

Geheimnis noch der Ruf, der sie entbunden,

der Grund, dem sie erwachend sich entwunden,

ein Abgrund, dem ihr euer Werk entrafft.

 

Dann steht es da, dem Erdenlicht gewonnen,

ein Stück von euch - und fremd und fern zugleich,

und sagt nichts aus vom Werden, das begonnen

im dunkel tiefen Urgeheimnisbronnen,

eh' eure Hand es hob ins Menschenreich.

 

Noch wißt ihr nicht um eure hellsten Stunden,

noch schauert Einsamkeit im unbegangnen Land.

Nach vielen Wegen erst und vielen Wunden

wird euer Herz sein Eingangstor erkunden

und sehn - daß es schon lange offen stand.

 

 

  Teneriffa

 

Getragen von der Lust der lauten Stunden,

wie Blätter treiben, die der Wind bewegt,

und jeder Zugehörigkeit entbunden -

so hat mein sehnend Suchen dich gefunden.

 

Ans Spiel verloren sahst du mich nicht kommen

und wußtest nicht, wer dir die Brücke schlägt,

auf der dein Fuß, noch zögernd und beklommen,

hinübergeht zum Strand der kindlich Frommen.

 

Die Brücke ist so lang wie Leid und Sehnen

und scheint bei jedem Schritte sich zu dehnen

und trägt des himmelhohen Bogens Rund

hoch übern Strom der ungeweinten Tränen.

 

Schon dringt mein Ruf zu dir, der Langentbehrten!

Aus blauem Dämmer blühen weiße Gärten,

und mitzufeiern unsern heil'gen Bund

nahn grüßend dir die künftigen Gefährten.

 

 jardin58

 

Karg wie mein Tag

war sein Ertrag.

Sonnabendwärts

zog mich mein Herz

zum träumeumrankten, zum strahlenden Strand

im Abendrotbrand.

 

Wie ich's erträumt,

silberngesäumt,

sternenbestickt

hab' ich erblickt

der sachte sich senkenden schweigenden Nacht

schwarzsamtene Pracht.

 

Sterben ist leicht,

glaub' mir, es gleicht

glückhaftem Traum.

Weit wird der Raum -

du schenkst dich in uferlos strömendem Glück

dem Urmeer zurück . . .

 

 

 Teneriffa 

 

Es ist mein Schmerz erstarrt

zu einem stummen Schrei,

der seiner Lösung harrt.

Die Tage ziehn vorbei,

geht jeder seinen Gang,

hat jeder seinen Klang,

nur meinen stummen Schrei

macht keiner frei . . .

 

So komm' ich, Herr, zu dir!

Wohl kann ich dich nicht sehn,

das Fünklein hier in mir

kann nicht dein Licht verstehn.

Ich weiß nur, daß du bist,

und weiß: Verwandelt ist

mein Weh und wird dabei

zum Jubelschrei!

 

  Teneriffa

 

„Weihnachtsengel, bring den Frieden!

Weihnachtsengel, schenk den müden

sorgensatten Augen Schlummer!

Spitze Dornen schlägt der Kummer

in die Stirne - lös den Reifen,

sieh der Wunden roten Streifen!"

 

Du fühlst Dornen, ich seh' Rosen!

Wir im Land der Leidenslosen

woll'n des Leides heü'ges Wissen

nicht mehr missen,

und auch du bist ausersehen,

einst im Blütenschmuck zu gehn.

 

Sachte, sachte -

es erdachte

jede Blüte

Gottes Güte!

Stille, stille -

höchster Wille

will nur krönen

dich mit schönen

roten Rosen

für das Land der Leidenslosen.

 

blaue Blume

 

 

Urew'ge Liebe, Anfang und Vollendung,

Ursprung und Ziel! An jeder Wegeswendung

rückschauend halt' ich Rast, um mich zu laben,

und auf den Spuren, die mein Fuß gegraben,

geht das Erinnern meinen Weg zurück . . .

 

Und aus den Stapfen, die entgegenkommen,

steigt Bild um Bild. - Du hast sie mir genommen,

weil sich mein Herz, das allzuleicht verschenkte,

ans Bild verlor. Doch immer wieder drängte

mein hoffend Herz zu nie erfülltem Glück. -

 

Wie ein Verbannter zog ich einst die Straßen,

als ein Verkannter litt ich ohne Maßen,

nur Halbheit ward mir, wo ich Ew'ges meinte,

bis sich mir Bild um Bild in dir vereinte;

von deinem Glanz ist jedes nur ein Stück.

 

Urew'ge Liebe, Vater aller Wesen,

dein Siegel steht auf jeder Stirn zu lesen,

dein Glanz strahlt mir aus allen Augen wider,

dein Segen strömt als Licht zur Erde nieder.

Eh' ich dich suchte, bist du mir begegnet,

eh' ich mich sehnte, hast du mich gesegnet!