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G E D I C H T E

AUS BAND 2 DER ERSTAUSGABE

(November 1933 bis September 1934)

 

 

 

 

 

 

 

 

I N H A L T S Ü B E R S I C H T

 

 

 

Gedichte aus Band 2 der Erstausgabe

(November 1933 bis September 1934)

 

 

Aus Tagen ohne Glück und tränenreichen Nächten (16.11.1933

Stimme meines Innern, sprich (23.11.1933)
Ich will euch künden, Kinder dieser Welt (2.12.33)
Eh' du die Wahrheit kündest (13-12.1933)
Himmelragend, Türme tragend (18.12.1933)
Du, einer wirren Zeit verirrt Geschlecht (31.12.33)
Schenk mir ein Dankgebet, mein Gott (11.1.1934) . . . .

Für alle Menschen strömt der gleiche Segen (13.1.1934)

Und wer Verstehen sucht (4.2.1934)
Als ein Gedicht erdachte Gott die Welt (24.2.34)

Es ziemt dem Wandrer, um sein Ziel zu wissen (2.3.1934)

Es schenkt der Herr auch im Versagen (5.3.1934)
Tönende Stille, was willst du mir sagen (10.4.34)
Die abendlichen Nebel seh' ich steigen (13.4.34)
Das Ziel ist alles, und der Weg ist nichts (14.4.34)
Es trägt der Wind auf weitgespannten Schwingen (16.4.1934)
Du letztes Leid, ich reife dir entgegen (2.5.1934)

Hinab, hinab die endlos vielen Stufen (13.5.34)

Ach, es ranken die Gedanken (23.5.1934)

Ich trag' den ganzen Himmel in der Seele (8.6.34)

Sieh, ich schreite dir zur Seite (10.7.1934)

Die Sehnsucht singt ihr Lied in meiner Seele (26.7.1934)

Der du wanderst nach dem Lichte (11.8.1934)

Dich, Atlantis, Land der Sage (16.8.1934)
Steig' hernieder, stille Stunde (4.9.1934)

 

 

 

 

 

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Aus Tagen ohne Glück und tränenreichen Nächten

könnt ihr der Überwindung Dornenkrone flechten

und als Erlöste mit dem Heiland auferstehn.

Doch müßt ihr's nicht.

Wollt ihr durch Licht und Schatten gehn

 

als Unbeschwerte, Unbelehrte,

seid ihr so lang Zurückgekehrte

zu dieser Erde Lust und Not,

im Kreise laufend durch Geburt und Tod,

bis, seines Wanderns müde, euer Geist

euch selbst die Wege zur Erlösung weist

und sich bereitet, jubelnd anzutreten

den Höhenflug. Oh seht, so wird erbeten

der Überwindung schmerzensreiche Krone.

Nehmt sie als Sühne nicht - nehmt sie zum Lohne!

 

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Stimme meines Innern, sprich:

Wer bist du, und wer bin ich?

Weise dünkst du mich und gut,

könntest du denn sonst mein Blut,

dieses heiße, unruhvolle,

frühlingsfrohe, jugendtolle

so befrieden, daß sein Jagen

innehält vor deinem Fragen?

 

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Ja, du dünkst mich gut und weise!

Was auf meiner Lebensreise

mir geschieht und widerfährt,

erst durch dich wird es geklärt

und zu sinnerfülltem Reifen.

Lass' ich ohne dich sie schweifen,

meine rastlosen Gedanken,

gleichen sie begierdekranken

 

aufgescheuchten Bienenschwärmen!

Du jedoch durchdringst ihr Lärmen

und du heißt sie Honig sammeln.

Wo du sprichst, kann ich nur stammeln,

betteln nur, wo du gebietest,

und gehorchen, wo du rietest,

denn dein Rat ist stets der rechte.

Ach, wir wären nichts als Knechte,

 

trügen wir nicht dich im Innern,

dich, du heilig Gott-Erinnern.

Du, Gesetz der Hamonie,

du, die Brücke, über die

Gottes lichte Boten schreiten,

wölb dich über alle Weiten

alles Lebens, aller Zeiten,

Brücke du - zur Ewigkeit!

 

jardin9 

 

Ich will euch künden, Kinder dieser Welt,

was euer ist,

was euer Seelenschrein verschlossen hält,

bis ihr es wißt,

bis ihr das Heiligtum in euch entdeckt,

bis ihr gleich mir

zum Künder werdet und die ändern weckt.

Sie leiden hier,

sie leiden euer Leid und wissen's nicht,

denn traumbefangen

gehn sie dahin, und ihrer Seele Licht

ist leidverhangen.

Was sie erschaffen, wandelt sich zu Staub

in ihrer Hand.

Ihr nur dem Äußern zugewandtes Sein,

sie nennen's Pflicht;

daß sie das Heiligtum entweihn,

sie wissen's nicht.

Es führt sie kreuz und quer und führt sie weit

ihr Wissensdrang;

in sich zu gehn jedoch fehlt es an Zeit,

denn dieser Gang,

der nächste, kürzeste, zum eignen Ich,

wird erst getan,

sieht man die Brücken brechen hinter sich

und seinen Wahn.

 

Die Antwort, die das Leben schuldig blieb,

hier hört man sie

und Sehnsucht sänftigt sich und Leid und Lieb'

zur Harmonie.

Und Gottes Odem löst, in ihm erwacht,

leise und sacht,

was ihn gefesselt hielt in banger Nacht,

bis es vollbracht.

 

 

 

Eh' du die Wahrheit kündest, werde dir bewußt:

Du bist fortan allein,

und deine Brust

muß Heimat dir und Zufluchtstätte sein!

 

Du bist ein kreuzend Schiff, das nirgends landen darf,

der Ladung willen, die es führt an Bord.

Schon mancher, der ins Meer die Ladung warf,

um endlich anzulaufen sichern Port!

 

Wirst du bestehn?

Wirst du, ein Wandersmann, vorübergehn

an Türen, die dir gastlich offen stehn

zu froher Menschen Runde und Verein,

bringst du die Wahrheit nur nicht mit herein!

 

Denn Türen schließen sich und Herzen auch,

fühlt man an dir der Wahrheit herben Hauch.

Sie stört Behaglichkeit und Illusion

und wird gelohnt mit Haß nur oder Hohn.

 

Bist du so stark, daß deiner Stimme Laut

die Mauern stürzen macht,

die Haß und Hohn dir baut?

Erträgst du's, wenn man lacht?

 

Dann nimm der Wahrheit köstlich schwere Last

und hüll dich in den Mantel Einsamkeit -

und geh von Tür zu Tür als ungebetner Gast,

als Heimatloser durch der Erde Zeit,

 

und laß sie lachen. -

Doch willst du's besser machen,

dann üb und gib ein lächelndes Verstehn

als milde Gabe im Vorübergehn,

 

und lehr sie so, ihr Lachen umzuwandeln.

Doch laß dein Handeln

von Lob wie Lachen unbeeinflußt sein!

Des Tuns Verantwortung trägst du allein.

 

Davon nimmt Lob nichts ab

und Lachen gibt nichts zu.

Doch wisse du:

Bringst du mit Wahrheit nur ein Herz zur Ruh,

ein einzig Herz, das, dürstend aufgetan,

aus deinen Händen nimmt den Becher an,

Genesung trinkend von der Erde Wahn,

dann, Wahrheitskünder, ist dein Werk getan.

 

 jardin11

 

Himmelragend,

Türme tragend,

Schatten gebend,

sich erhebend

aus der Enge

wirrer Gassen,

von der Menge

und des Lebens Hast umschritten,

ruhvoll wartend, steht inmitten

und umrauscht vom Zeitenstrom

als das Herz der Stadt, der Dom.

 

Hör es, Herz, und hab auch du

eines Domes heü'ge Ruh!

Sei wie er der Erd' verbunden,

doch wie Türme trag die Stunden

deiner Sehnsucht Gott entgegen

und bewahr wie er den Segen

und laß Tore offen stehn

allen, die in Trübsal gehn!

 

Jubel, Jauchzen und Frohlocken

sind die Glocken.

Laß ihr Singen

allen klingen!

 

 

 

Du, einer wirren Zeit verirrt Geschlecht,

schau hin - am Horizont die schwarzen Reiter!

Noch schattengleich, doch näherkommend schon,

umzingeln dich des Dunkels wilde Streiter!

 

Dir war das Dunkel oft willkommen doch,

in seinem Schütze reiften deine Taten

und seinem Flüstern gabst du gern Gehör;

nun sieh - es sprießen deiner Taten Saaten!

 

Was zitterst du und kannst es nicht ertragen?

Du warst doch mutig sonst, wenn's ändern galt!

Das deinen Zwecken dienstbar war, das Dunkel,

sieh jetzt in seiner wirklichen Gestalt!

 

Und fühl der alten Erde fiebernd Beben

und wanken sieh das Haus der Wissenschaft

und stürzen sieh der Menschheit heil'ge Güter

und mit sich reißen deine beste Kraft!

 

Denn plötzlich war das Dunkel überall,

das nun zerstörend gegen dich sich wendet.

Des Horizontes schwarze Reiter sind

das Böse, das du selbst einst ausgesendet.

 

Doch Gnade ließ das Dunkel vor dich treten,

daß du's erkennst, erkennend dann erlöst;

drum trag der Liebe Fahne ihm entgegen,

daß du erlösend auch dich selbst erhöhst!

 

Denn angelangt bist du, verirrt Geschlecht,

an deiner wirren Wege jähem Ende.

So geh zurück in dich und hol aus dir die Kraft

und wirk die große Weltenzeitenwende!

 

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Schenk mir ein Dankgebet, mein Gott, denn meine Seele,

geschmiedet an die Welt durch eigne Fehle,

ist flügellahm und kann sich nicht erheben

und will doch ihrem Jubel Worte geben

und Klänge ihrer innern Melodie.

 

Du überhörtest ihre Klagen nie,

und schien es so, dann war es nur geschehen,

mir mehr zu helfen, als ich könnt' verstehen.

Mein Trotz zerschellte, Herr, an deiner Güte.

 

Nun hat des Glückes erste, scheue Blüte

ihr Auge deinem Lichte aufgetan.

Jetzt, Unfaßbarer, nimm mein Danken an!

Es will ein Ton nur sein im letzten Engelchore

am äußersten der sieben Himmelstore.

 

Ein kleiner Klang, der jubelnd untergeht

im weltenweiten Schöpfungsdankgebet.

Denn was mein eigen ist, hab' ich, mein Gott, von dir.

Die Kraft zum Danken selbst muß ich erbitten mir.

 

jardin19

 

Für alle Menschen strömt der gleiche Segen,

verheißen sind des gleichen Sieges Feiern,

das gleiche Wunder steht auf allen Wegen

und wartet still, bereit, sich zu entschleiern.

 

Schlag du im Stein des Leidens deine Stufen,

indes der andre sich im Staube quält;

denn wer die Höhe sucht, der ist berufen,

doch nur, wer sie erkämpft, ist auserwählt.

 

jardin20 

 

Und wer Verstehen sucht, versteht sich selbst noch nicht,

wer Anerkennung braucht, ist vom Erkenntnislicht

noch weit und muß noch viele Wege wandern;

denn was er selbst nicht hat, sucht er bei ändern

und findet's nie!

Denn in der Harmonie

hat jeder seinen Klang

und seine eigne Melodie

im Weltgesang.

Der Klang des ändern, sei er noch so rein,

ist nicht der seine. Den muß er allein

aus seines Wesens tiefster Quelle heben.

Er kann ihn nicht erlernen, nur erleben!

 

 

 

Als ein Gedicht erdachte Gott die Welt,

darin der Zeiten Ablauf rhythmisch steigt und fällt,

der Reim das Ähnliche im Gleichklang bindet,

der Sinn, zum Sein verdichtet, sich verwirklicht findet.

 

So aber kam der hehre Bau ins Wanken:

Die Worte lösten sich und traten aus den Schranken,

die Reimzerstörung nannten sie Gewinn,

zum Selbstzweck ward das Sein und es vergaß den Sinn.

 

Die reimentlaufnen Worte seh' ich leiden

und Gleichklang suchen. Bald wird auch bescheiden

das letzte froh an seiner Stelle stehn im Licht,

ein tragend Pfeiler nun im ew'gen Gottgedicht.

 

 

 

Es ziemt dem Wandrer, um sein Ziel zu wissen

und auch zu fragen nach dem rechten Weg,

denn hat der Himmel seine Schleusen aufgerissen,

ertrinkt im Regenrauschen Sicht wie Steg.

 

Will er nicht irre gehn, muß er vertrauen

dem Rat des ersten, den er trifft und fragt,

doch mißt er prüfend ihn im innern Schauen

am Fühl'n der Richtung, das er in sich trägt.

 

So, Weltenwandrer, prüfend und vergleichend,

nehmt alle Stimmen auf in euer Sinnen;

naht Rat von außen, euch die Hände reichend,

ergreift sie erst, tönt wieder er von innen.

 

 

Es schenkt der Herr auch im Versagen

und gibt, indem er nimmt.

Am Himmelsgitter rütteln unsre Klagen,

indes er lächelt und mit Liebe stimmt

die Seelenharfen, alle, nach der Reihe,

die ihren Mißklang tragen vor sein Ohr,

daß sie, empfangend eine neue Weihe,

den Klang gewinnen, der sich längst verlor.

 

Gestimmt zu werden von des Meisters Hand

ist Schmerz -

und keine Harfe, die ihn nicht empfand,

o Herz. -

Und hat auch dich erfaßt und hat dir weh getan

sein großer Wille,

dann denk, jetzt zieht der Herr die Saiten an -

und halte stille . . .

 

 

 

 

Tönende Stille, was willst du mir sagen,

wer hat die Botschaft für mich übertragen

deinem Geheimnisse bergenden Sein?

Wahrend dein Wissen, verwehrst du die Kunde

allen Geschwätzigen! Doch deinem Munde

danken die Weisen die heiligsten Weih'n.

Webende, wirkende, atmende Stille,

was du verbirgst, ist der schaffende Wille,

Leben geworden, löst leis er sich los.

Du trägst der Zukunft Gedanken und Taten,

so wie die Erde die keimenden Saaten,

du, des Geschehens gestaltender Schoß!

 

 

Die abendlichen Nebel seh' ich steigen:

Wie, schon so spät, daß sich mein Tag will neigen,

der kaum gegrüßte, schon bereit zu scheiden?

Es ist mir doch, als war' er erst entstiegen

den Morgenschleiern, die verheißend liegen

auf Blumenwiesen, meiner Kindheit Weiden.

 

Ich seh' mich selbst, die Kinderhände streckend

nach jedem Glanz, entschleiernd und erweckend

und auch zerstörend, was sich mir versagte.

Von Kraft zu Kraft, von Sehnsucht zu Erfüllung,

und immer dürstend noch nach neuer Stillung,

so schritt ich durch das Leben, da es tagte.

 

Und auch den roten Mohnkranz wilder Stunden

hab' ich bedenkenlos ums Haupt gewunden -

nun war' er welk, mein Kranz aus wildem Mohne .

Noch eh' er welkte, nahm ihn mir vom Haupte

die Vaterhand, ersetzend, was sie raubte,

durch eines Dornenkranzes ew'ge Krone.

 

Und wieder Schleier, die sich mählich breiten,

und meinem Tag den Abend still bereiten.

Jetzt decken sie die Erde mit Erbarmen

und hüllen meine Schuld in ihre Falten

und löschen Farben, Formen und Gestalten . . .

und meine Sehnsucht schläft in Vaterarmen .

 

 

 

 

Das Ziel ist alles, und der Weg ist nichts!

Hast du den rechten Weg, und dir gebricht's

an rechter Sehnsucht nach dem rechten Ziel,

so bist du ferner ihm als der, der fiel

und sich erhob und in die Irre ging

und sich besann, und stieg und steigend hing

an steiler Felswand, ringend mit dem Stein,

den Abgrund unter sich, und über sich allein

der Gipfel Schweigen und des Himmels Glanz,

und seine Seele hingegeben ganz

der Zielgewißheit und dem heil'gen Ruf -

er siegt, weil er sich selbst die Wege schuf

im Unwegsamen, treu dem Ruf des Lichts!

Das Ziel ist alles, und der Weg ist nichts!

 

 

Es trägt der Wind auf weitgespannten Schwingen

den Klang der Welt, ihr Jauchzen und ihr Singen.

Dazwischen gellt

der Hilfeschrei des tausendfält'gen Sterbens

und flüsternd lockt die Stimme des Verderbens.

 

Trag weiter, Wind, den Klang auf deinen Flügeln,

ich hab' gelernt, mein Wunschgespann zu zügeln

und mich entfernt

vom Eitelkeitenmarkt des Weltgeschehens

und mich genaht der Quelle des Entstehens.

 

Hier will ich Hüter sein und allen wehren,

die frevlen Sinns sie trüben durch Begehren,

daß des Beginns

glasklarer Quell in Klarheit bleib' bestehen

und ihm entfließe lauterstes Geschehen!

 

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Du letztes Leid, ich reife dir entgegen,

so wie das Korn entgegenreift dem Schnitt.

Ich trage schwer des langen Sommers Segen,

Goldkörnerfrucht der Leiden, die ich litt.

 

Das eigne Leid, es gleicht dem zarten Keime,

der sich in dunkler Erde müht und müht

und sie durchbricht und so das erst Geheime

nun lichtwärts trägt und lichtgesegnet blüht.

 

Er blüht gleich ändern, Halm zu Halm gesellt,

und ist wie sie dem Sturme preisgegeben,

ein hilflos Halm im weiten Ährenfeld,

und Mitleid reift als Frucht im Miterleben.

 

Und dennoch, Brüder, ruf ich nach dem Schnitt

für mich und euch, daß wir erfüll'n die Sendung.

Die Leidbejahung ist der letzte Schritt

im Leid, der erste aber zur Vollendung.

 

 

jardin30

 

Hinab, hinab die endlos vielen Stufen,

hinab und nach den leisen Hilferufen,

die aus der Tiefe kommen, halb erstickt,

verschluckt vom Dunkel. Und mein Äug' erblickt

der Höhe letzten mondenmilden Schein

als weißes Band. Doch mich erdrückt der Stein!

 

Hab' ich darum die Höhe mir errungen,

darum die Tiefe in mir selbst bezwungen,

daß ich nun fremde Tiefen schaudernd muß durchwandern,

kaum selbst befreit, entkerkern muß die ändern?

 

Muß ich hinab? - Du mußt es nicht, du darfst!

Es ist ein heilig Amt, das du verwarfst.

Auch du warst einst verschüttet gleich wie diese,

ja, auch für dich verließ die Himmelswiese

ein lichter Helfer. Wärst du heut' befreit,

hätt' ihn wie dich gedünkt der Weg zu weit?

 

Die Stimme schweigt. Kam sie herab vom Licht?

Ihr Widerhall, der sich im Felsen bricht,

erstirbt. Zuletzt vergeht mein Trotz in Scham.

Vollenden will ich, was ich übernahm.

 

Hinab, hinab die endlos vielen Stufen,

hinab und nach den leisen Hilferufen.

 

 

jardin31

 

 

Ach, es ranken

die Gedanken

sich empor wie Kletterrosen,

schenken ihre schwerelosen

Flatterblätter allen Winden!

Wie sie halten, wie sie binden?

 

Erdgebundner, kannst du halten,

kannst du hemmen das Entfalten?

Alles Daseins Sinn ist Streben,

und des Strebens Lohn heißt Geben.

Freu dich, wenn die Blätter fallen,

Rosenteppich breitend allen!

 

Frische Ranken,

Lichtgedanken,

greifen höher in die Lüfte,

schenken neuer Blüten Düfte.

Knospen harren in der Hülle

auszustreun des Glückes Fülle . , .

 

jardin33

 

Ich trag' den ganzen Himmel in der Seele,

behalte dir die goldne Erdenlast,

von der du meinst, daß sie mir schmerzlich fehle,

weil du sonst nichts als diese Bürde hast!

 

Im Spiegel deiner mitleidvollen Blicke

erschau' ich meines Lebens Dürftigkeit

und schau' den Wechsel meiner Mißgeschicke

vom hohen Turm, der heißt: Genügsamkeit.

 

Wer Sonne sieht vom Anfang bis zur Neige

mit einem Blick umspannt das ganze Land,

tauscht seine Fernsicht nicht für Blütenzweige

gefaßt in einer Vase engem Rand.

 

Behalte dir dein Gut! Doch wird entwinden

einst dir wie mir das Schicksal Stück um Stück,

dann mögest du den Weg zum Turme finden

und alle Stufen steigen bis zum Glück.

 

Auf jeder Stufe muß man niederlegen

ein Stückchen Habe, daß man weiter kann.

Ich weiß, wie's tut, und komm' dir dann entgegen

und schenk' dir alles, was ich hier gewann!

 

 jardin34

 

Sieh, ich schreite dir zur Seite,

sieh, ich breite

meiner Lichterkenntnis Weite

dir zu Füßen,

denn ich kenne Schuld und Büßen,

Lust und Leiden,

und von beiden

trag' ich goldgewirkte Zeichen

im Gewand, dem wolkenweichen,

windhauchgleichen.

Seinem Rauschen

sah ich dich schon oftmals lauschen,

sah dich oftmals leis erschauern,

denn mein Auge schaut durch Mauern. -

Sag, was macht mein Nah'n dich zittern,

du, mein Bruder hinter Gittern,

hinter Gittern deiner Sinne?

Werde meiner Liebe inne!

Sieh, ich teile deine Tage,

sieh, ich trage deine Klage

zu dem Heiler aller Herzen,

dem Beschwichtiger der Schmerzen.

Heiltrank haltend in den Händen

kehr' ich wieder, zu verschwenden,

zu verströmen, was ich habe,

unsres ew'gen Gebers Gabe!

 

 

 

Die Sehnsucht singt ihr Lied in meiner Seele,

ihr altes Lied! Und altes Leid klingt auf.

Wo ich auch weile, was ich auch erwähle -

aus Tiefen, längst verschüttet, steigt herauf

die auferstandne Sehnsucht, steigt aus Särgen,

die oft begrabne, die den Tod besiegt,

und heißt mich weiterwandern nach den Bergen,

auf deren Scheitel Gottes Abglanz liegt.

 

Und wie die Sehnsucht wandert meine Seele

von Welt zu Welt in wechselnder Gestalt

den Regenbogenweg. Und daß nicht fehle

der Farben eine, macht sie nirgends halt

und faßt der Farben Fülle dann zusammen

zu reinem Licht am Berg der letzten Sicht!

Denn unsre Seelen, die vom Himmel stammen,

sind Licht, das sich vieltausendfältig bricht.

 

 

Der du wanderst nach dem Lichte,

sieh dich vor! Oft macht zunichte

alles Mühn ein falscher Schritt.

Steinschlag rollt und reißt dich mit.

 

Taucher auf dem Seelengrunde,

sieh dich vor! Zu keiner Stunde

bringt die See sich kampflos dar,

Perlen birgt sie und Gefahr.

 

An der Schwelle alles Schönen

stehn die Hüter und verhöhnen

und verzerren dein Besinnen

und verzögern dein Beginnen.

 

Willst du deshalb müde werden?

Nein, und wenn mit Drohgebärden

aller Fluch, Gestalt geworden,

vor mir stünde, mich zu morden,

 

gab' ich tausendfach mein Leben!

Tausendfältig wird gegeben

meinem strebenden Bemühn

neu verkörpertes Erglühn!

 

Heute und in Ewigkeiten

will ich gleichen Weg beschreiten,

siegend, Gott, in deinem Namen

und in deinem Sinne! - Amen.

 

 

Dich, Atlantis, Land der Sage,

kennt mein Herz und sucht mein Sinn!

War ich Zeuge deiner Tage,

der ich heut' ein andrer bin?

Hallten meine Schritte wider

von den Wänden aus Basalt

weit gewölbter Felsentempel,

alten Weistums Hort und Halt?

War ich kundig jener Künste,

deren Macht so leicht verfuhrt,

hab' ich, Unheilzeichen deutend,

schon das Nah'n der Flut verspürt?

 

Über dir und meinen Fragen

rollt und rauscht das große Meer,

Flut und Ebbe sind sein Atem

bis zu deiner Wiederkehr.

Trägt nicht jeder Mensch Atlantis,

das versunkne Land in sich?

Rollen nicht die wilden Wasser

rauschend über jedem Ich? - -

Doch die Tiefe wird sich heben,

bis die Flut an ihr zerbricht,

das versunkne Land der Sage

taucht dann auf - und spricht.

 

 

 

Steig hernieder, stille Stunde,

du, die letzte in der Runde

deiner lärmbeladnen Schwestern,

die sich schmücken heut' wie gestern

mit dem Glanz des jungen Tages,

den sie teilen und zerpflücken . . .

Dann kommst du, um aus den Stücken

den Erlebnisring zu schmieden,

Unrast weicht und wird zum Frieden

durch dein Nah'n, dein zartes, zages.

 

Lösch die Lichter, stille Stunde,

du, die liebste aus der Runde

deiner stolzgeschmückten Schwestern,

die mich quälten heut' wie gestern.

Kommst du deuten, was ich dachte,

kommst du formen, was ich fühlte,

pflücken, was des Tags erblühte?

Nimm mein Werk in deine Hände,

segne, Stunde, und vollende,

was dein Licht zum Leben brachte.

 

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