Von: Luis
Gesendet: Dienstag, 6. November 2001 00:25
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Gott über alles lieben Teil 1
Liebe Geschwister,
diese ausgesuchte NO-Stellen mögen
uns -vielleicht- ein wenig schwer verdaulich erscheinen, denoch erfüllen sie mit
grosse Hoffnug, für all diejenige, die mit der Haltung der Gesetze schwer zu kämpfen
haben.
Hier ein Versuch einer
Zusammenfassung:
Der Herr sagt: »Wer
Meine Gebote hält, der ist es, der Mich liebt«.
Der Herr stellt aber die Liebe
aus der Erfüllung des Gesetzes als nicht genügend dar.
Beispiel:
Der
Herr spricht zum reichen Jüngling: »Halte die Gebote und liebe Gott, so wirst
du leben!« Der Jüngling antwortet: »Meister, das habe ich von meiner Kindheit
an gehalten«. Der Herr spricht weiter: »So verkaufe alle deine Güter,
verteile sie unter die Armen und folge Mir nach!«
Frage:
wenn der Herr also Selbst einen solchen Zusatz macht, genügen da als höchste
Liebe zu Gott die beobachteten Gesetze?
Quelle: Siehe unten. Fortsetzung
folgt...
Herzliche Grüsse
Luis
·
Was heißt: Gott über alles lieben? {jl.gso2.100}
·
Worin besteht die Liebe zu Gott? {jl.gso2.101}
·
Wie man Gott über alles liebt {jl.gso2.102}
(auszüge aus CD von Gerd
Gutemann)
01]
Ich sehe einen, der da kommt und spricht: Es wäre schon alles recht, aber wie
sollte man dieses eine göttliche Wort an Gott Selbst realisieren? Wie sollte
man denn so ganz eigentlich Gott lieben, und das über alles? Sollte man in Gott
etwa also verliebt sein, wie ein junger Bräutigam in seine schöne und reiche
Braut? Oder sollte man in Gott also verliebt sein, wie ein Mathematiker in eine
mathematische Berechnung oder ein Astronom in seine Sterne? Oder sollte man also
verliebt sein wie ein Spekulant in seine Ware oder ein Kapitalist in sein Geld
oder wie ein Herrschaftsbesitzer in seine Herrschaften oder auch wie ein
herrschender Monarch in seinen Thron? Das sind die einzig möglichen Maßstäbe
ernster menschlicher Liebe, denn der Kinder Liebe zu ihren Eltern kann man nicht
füglich als einen ernsten Maßstab der Liebe aufstellen, indem das Beispiel
lehrt, daß Kinder ihre Eltern verlassen können, um entweder irgendeine gute
Heirat zu machen oder viel Geld zu gewinnen oder eine hohe Ehrenstelle
einzunehmen. Bei all dem tritt die Liebe der Kinder zu ihren Eltern zurück und
muß notwendig einer mächtigeren Platz machen. Daher sind hier nur die mächtigsten
Maßstäbe der menschlichen Liebe angeführt, und da fragt es sich, nach welchem
soll man so eigentlich die Liebe zu Gott bemessen?
02] Wenn aber nun jemand kommt
und spricht: Nach diesen oder jenem, da sage ich einwendend: Freund! Das kann
nicht sein.
03] Es ist wahr, die von mir
angeführten mächtigsten Liebemaßstäbe sind wohl die einzigen, wonach des
Menschen größte Liebekraft bemessen werden kann; aber es heißt ja, man soll
Gott über alles lieben, was so viel sagen will als: mehr, als alles in der
Welt.
04] Da fragt es sich, wie es
anfangen, wie die Liebe zu einer Potenz erheben, von der sich kein menschlicher
Geist irgendeinen meßbaren oder vergleichbaren Begriff machen kann? Man wird
etwa sagen: Man solle Gott noch mehr lieben als sein eigenes Leben. Da sage ich,
der Einwender: Mit der Liebe des eigenen Lebens hält die allerhöchste Liebe zu
Gott noch weniger irgendeinen Vergleich aus als mit der Liebe der Kinder zu
ihren Eltern. Denn es gehört schon viel dazu, daß die Kinder ihr Leben aus
Liebe zu ihren Eltern aufs Spiel setzen, im Gegenteil haben sie es lieber, so
die Eltern für sie auf Leben und Tod kämpfen.
05] Alsonach erscheint die
Eigenliebe der Kinder gegenüber der Liebe zu ihren Eltern nicht selten bei
weitem mächtiger. Aber wir sehen andererseits, daß die Kinder der Menschen für
andere Vorteile häufig ihr Leben beinahe verachtend aufs Spiel setzen. Der eine
segelt in stürmischen Nächten über den Ozean, ein anderer stellt sich vor die
feuernde Front der feindlichen Armee, ein dritter begibt sich nicht selten in
lockere Abgründe der Erde, um sich da metallene Schätze zu holen. Und so sehen
wir, daß diese äußeren weltlich-ernsten Maßstäbe menschlicher Liebe sicher
kräftiger sind und eine allgemeinere Geltung haben als die Liebe der Kinder zu
ihren Eltern und die Liebe zum eigenen Leben.
06] Aber was nützen alle diese
Maßstäbe, wenn weit über sie hinaus die Liebe zu Gott auf einer solchen
Potenz stehen soll, gegen die alle anderen Liebemaßstäbe ins reine Nichts zurücksinken
sollen? Seht, meine lieben Freunde und Brüder, unser Einwender hat uns scharf
angegriffen, und wir werden uns recht kräftig auf die beine stellen müssen, um
gegen den Einwender das Übergewicht zu gewinnen.
07] Aber Ich sehe soeben
wieder einen sehr ernstlich aussehenden Gegenkämpfer. Dieser tritt seines
Sieges ganz sicher auf und spricht: Oh, mit diesem Einwender werden wir bald
fertig werden, denn der Herr hat uns ja selbst den ausdrücklichen Maßstab
gegeben, wie man Gott lieben soll. Ich brauche daher nichts anderes zu sagen,
als was der Herr Selbst gesagt hat, nämlich: »Wer
Meine Gebote hält, der ist es, der Mich liebt«.
- Das ist somit der eigentliche Maßstab,
wie man Gott lieben soll.
08] Wenn der Einwender genug
scharfe und starke Zähne hat, so soll er noch versuchen, irgendeine andere unübertreffliche
Liebeswaage aufzustellen. Gut, sage ich, der Einwender ist noch zur Seite und
macht Miene, diesen Einwurf ein wenig zu zerbeißen. Wir wollen ihn daher anhören
und sehen, was er alles vorbringen wird. Er spricht:
09] Gut, mein lieber,
freundlicher Gegner! In der Aufstellung deiner Einwendung hast du mir gegenüber
zum Maßstabe der höchsten Liebe zu Gott nicht viel mehr bewiesen als ein
ziemlich gutes Gedächtnis, dem du so manche Texte aus der hl. Schrift zu danken
hast. Aber siehe, wer aus all den Texten einen lebendigen Nutzen ziehen will,
der muß nicht nur wissen, wie sie lauten, sondern er muß in sich lebendig
verstehen, was sie sagen wallen.
10] Was würdest du denn
sagen, so ich dir eben aus dem Munde des Herrn Selbst gesprochen nicht nur
einen, sondern mehrere Gegensätze dazu aufstellen würde, laut denen der Herr
Selbst die
Liebe aus der Erfüllung des Gesetzes als nicht genügend darstellt?
Du machst zwar jetzt ein Gesicht, als
möchtest du sagen: Dergleichen Texte dürften in der Schrift doch wohl etwas
karg ausgestreut sein. Ich aber erwidere dir: Lieber Freund durchaus nicht. Höre
mich nur an, ich will dir gleich mit einem halben Dutzend, so du es willst,
aufwarten.
11] Ist dir das Gespräch des
Herrn mit dem reichen Jünglinge bekannt? Fragt nicht dieser: »Meister, was
soll ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« Was antwortet ihm da der Herr?
Du sprichst triumphierend: Der Herr spricht: »Halte die Gebote und
liebe Gott, so wirst du leben!« Gut, sage ich, was spricht aber der Jüngling?
Er spricht: »Meister, das habe ich von meiner Kindheit an gehalten«.
12] Das ist alles richtig. Warum
aber, frage ich, hat der Jüngling diese Antwort dem Herrn gegeben? Er wollte
ihm dadurch sagen: Trotzdem ich das alles von meiner Kindheit an gehalten habe,
verspüre ich dennoch nichts von dem wunderbaren ewigen Leben in mir.
13] Warum erklärt der Herr nun
darauf dem Jünglinge die Haltung der Gebote zur Erreichung des ewigen Lebens
nicht als genügend, sondern macht sogleich einen sehr gewaltigen Zusatz, indem
Er spricht: »So verkaufe alle deine Güter, verteile sie unter die
Armen und folge Mir nach!«
14] Frage, wenn der Herr
also Selbst einen solchen Zusatz macht,
genügen da als höchste
Liebe zu Gott die beobachteten Gesetze? Siehe,
da hat es schon einen Haken, gehen wir aber weiter!
15] Was spricht einmal der Herr
zu Seinen Aposteln und Jüngern, als Er ihnen die zu erfüllenden Pflichten
vorstellt und anpreist? Er spricht nichts anderes als bloß die einfachen, sehr
bedeutungsvollen Worte: »Wenn ihr aber alles getan habt, da bekennt, daß ihr
faule und unnütze Knechte seid«.
16] Ich frage dich nun: Erklärt
hier der Herr die Haltung der Gebote als genügend, indem Er jedoch offenbar
erklärt, daß ein jeder das Gesetz vollkommen erfüllende Mensch sich als völlig
unnütz betrachten solle? Siehe, da wäre der zweite schon etwas gewaltigere
Haken. Aber nur weiter!
17] Kennst du das Gleichnis von
dem Pharisäer und Zöllner im Tempel? Der Pharisäer gibt sich frohen Gewissens
vor dem Heiligtume selbst das treue Zeugnis, daß er, wie gar viele nicht, das
Gesetz Mosis in seinem ganzen Umfange allezeit genauest, also vollkommen buchstäblich
erfüllt habe. Der arme Zöllner rückwärts in einem Winkel
des Tempels aber gibt durch seine ungemein demütige Stellung jedem
Beobachter getreu zu erkennen, daß er eben mit der Haltung des Mosaischen
Gesetzes nicht gar viel muß zu schaffen gehabt haben, denn seiner Sünden
gar wohl inne, getraut er sich nicht einmal zum Heiligtume Gottes
hinaufzublicken, sondern bekennt selbst seine Wertlosigkeit vor Gott und bittet
ihn um Gnade und Erbarmen.
18] Da möchte ich denn doch wohl
wissen von dir, du mein lieber textkundiger Freund, warum,
wenn das Gesetz genügt, der Herr hier den das ganze Gesetz streng beobachtenden
Pharisäer als ungerechtfertigt und den armen sündigen Zöllner als
gerechtfertigt aus dem Tempel gehen läßt?
19]
Siehe, wenn man das so recht beim Lichte betrachtet, so scheint es, als hätte
der Herr da mit der alleinigen Haltung des Gesetzes schon wieder Selbst einen
dritten sehr bedeutenden Haken gemacht. Du zuckst nun schon mit den Achseln und
weißt nicht mehr, wie du daran bist. Mache dir aber nichts daraus, es soll
schon noch besser kommen! Also nur weiter.
20] Was möchtest du denn
sagen, wenn ich dir aus der Schrift, und zwar aus dem Munde des Herrn Selbst
einen Text anführen möchte, laut welchem Er
das ganze Gesetz indirekt als ungültig erklärt und
dafür ein ganz anderes Hilfsmittel setzt, durch welches Er Selbst einzig und
allein die Gewinnung des ewigen Lebens verbürgt?
21] Du sprichst nun: Guter
Freund, diesen Text möchte ich auch hören. Sollst ihn gleich haben, mein
lieber Freund! Was spricht einmal der Herr, als Er ein Kind am Wege fand, es
aufnahm, herzte und kosete? Er spricht: »So ihr nicht werdet wie dieses
Kind, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen!«
22] Frage: Hat
dieses Kind, das noch kaum einige Worte zu
lallen imstande war, die Gesetze Mosis je
studiert und dann sein Leben streng darnach
gerichtet? Auf der ganzen Welt gibt es
sicher keinen so dummen Menschen, der so etwas behaupten könnte. Frage demnach:
Wie konnte der Herr hier als höchstes Motiv zur Gewinnung des ewigen Lebens ein
Kind bezeichnen, das mit dem ganzen Gesetze Mosis noch nie ein Jota zu tun
hatte? Freund, ich sage hier nichts weiter als: So es dir beliebt so mache mir
darüber eine einwendliche Erörterung. Du schweigst. So ersehe ich, daß du mit
deiner Aufstellung dich bei diesem vierten Haken schon ziemlich tief in den
Hintergrund zurückgezogen hast. -
01]
Du hast in diesen vier Punkten gesehen, daß der Herr einesteils die alleinige
Haltung des Gesetzes zur Erlangung des eigentlichen ewigen Lebens nicht als
hinreichend darstellt und in dem vierten Punkte dasselbe sogar indirekt aufhebt.
02] Was möchtest du aber
sagen, so ich dir ein paar Punkte anführen möchte, wo der Herr
sich über die Haltung des Gesetzes sogar tadelnd ausspricht?
Du sagst hier: Das wird wohl nicht möglich
sein! Dafür kann ich dir soggleich nicht nur mit einem, sondern, so du es
willst, mit mehreren Beispielen aufwarten. Höre!
03] Jeder, der das Mosaische
Gesetz in seinem Umfange nur einigermaßen durchblättert hat, dem muß es
bekannt sein, wie sehr Moses die Gastfreundschaft dem jüdischen Volke
anbefohlen hat. Wer sich gegen die Gastfreundschaft versünidgte, war vor Gott
und vor den Menschen für strafwürdig erklärt. Das Gesetz der Gastfreundschaft
ward dem jüdischen Volke, welches sehr zur Habsucht geneigt war, um so mehr
eingeschärft, um dieses Volk dadurch vor der Eigenliebe und Habsucht zu
verwahren und es zur Nächstenliebe zu leiten.
04] Gesetz war es daher, einen
fremden Gast, besonders wenn er der jüdischen Nation angehörte, mit aller
Aufmerksamkeit zu empfangen und zu bedienen; und dieses Gesetz rührte von Gott
her, denn Gott, und nicht Moses, war der Gesetzgeber.
05] Als aber eben derselbe Herr,
der einst durch Moses die Gesetze gegeben hatte, zu Bethania in das Haus des
Lazarus kommt, da ist Martha gesetzesbeflissenst und bietet alle ihre Kräfte
auf, um diesen allerwürdigsten Gast gebührendst zu bedienen. Maria, ihre
Schwester, vergißt vor lauter Freude über den erhabenen Gast des
Gesetzes, setzt sich untätig zu Seinen Füßen hin und hört mit der
größten Aufmerksamkeit die Erzählungen und Gleichnisse des Herrn an. Martha,
über ihrer Schwester Untätigkeit und Gesetzesvergessenheit bei dieser
Gelegenheit ein wenig erregt, wendet sich selbst eifrig zum Herrn und
spricht: »Herr! ich habe so viel zu tun, beheiße Du doch meine
Schwester, daß sie mir ein wenig helfe!« - Oder noch deutlicher gesprochen: Herr,
Du Gründer des Mosaischen Gesetzes, erinnere doch meine Schwester an die
Haltung desselben.
06] Was spricht aber der Herr
hier? »Martha, Martha!« spricht Er, »du machst dir viel zu schaffen um
Weltliches! Maria aber hat sich den besseren Teil erwählt, welcher ewig nimmer
wird von ihr genommen werden.«
07] Sage du mir nun, mein
lieber Freund, ob das nicht ein offenbarer Tadel vom Herrn gegen die gar eimige
und genaue Haltung des Gesetzes ist, wie im Gegenteil eine außerordentliche
Belobung derjenigen Person, die sich gewisserart um das ganze Gesetz nicht kümmert,
sondern nur durch ihre Handlungsweise also spricht (Maria):
08] Herr, so ich nur Dich habe,
da ist mir die ganze Welt um den schlechtesten Stater feil! - Zeigt
hier der Herr nicht wieder, daß die alleinige Haltung des Gesetzes niemandem
den bessern, ja besten Teil gibt, der ewig nimmer von ihm genommen wird? Siehe,
das ist demnach ein fünfter Haken. Aber nur weiter!
09] Was spricht der Herr Selbst
bei Moses, und zwar im dritten Gebot: »Du sollst den Sabbat heiligen!«?
Frage, was tut aber der Herr Selbst im Angesichte Seiner buchstäblichen Erfüller
des Gesetzes? Siehe, Er geht her und entheiligt Selbst den Sabbat,
offenbar nach dem Buchstabensinne des Gesetzes, und erlaubt sogar Seinen Jüngern,
an einem Sabbat Ähren zu lesen und sich mit den Körnern zu sättigen. Wie
gefällt dir diese Haltung des Gesetzes Mosis, wo der Herr Selbst nicht nur
allein für Sich, sondern zum größten Ärgernisse der buchstäblichen
Gesetzeserfüller den ganzen Sabbat sozusagen über den Haufen wirft? Du wirst
sagen, das konnte der Herr ja wohl tun, denn Er ist auch ein Herr des Sabbates.
10] Gut, aber ich frage: Wußten
die sich ärgernden Pharisäer, daß des Zimmermanns Sohn ein Herr des Sabbats
ist? - Du meinst, sie hätten solches an Seinen Wunderwerken erkennen sollen. Da
aber sage ich: Bei diesem Volke waren Wunderwerke nicht hinreichend, um die
vollkommene Göttlichkeit in Christo zu erkennen, denn Wunderwerke haben alle
Propheten gewirkt zu allen Zeiten, die echten wie auch mitunter die falschen.
Man kann also das nicht voraussetzen, daß die Wunder Christi die Pharisäer von
Seiner Göttlichkeit und Herrlichkeit hätten überzeugen sollen.
11] Alle Propheten aber bis auf
ihn haben den Sabbat geheiligt, Er allein warf ihn über den Haufen. Mußte das
nicht den Buchstabenerfüllern ein Ärgernis sein? Allerdings, und dennoch ließ
der Herr nicht mit Sich handeln.
12] Was Geht aber aus dem
hervor? Nichts anderes, als daß der
Herr die Haltung des Gebotes allein für sich betrachtet ganz unten ansetzt. Warum?
Ein kleines Gleichnis aus deiner eigenen Sphäre wie aus der Sphäre eines jeden
Menschen, der je in der Welt gelebt hat, soll dir die Antwort bringen:
13] Ein Vater hat zwei Kinder. Er
hat diesen Kindern seinen Willen wie gesetzlich bekanntgegeben. Einen Acker und
Weingarten zeigte er ihnen und sprach: ihr seid kräftig geworden, und so
verlange ich von euch, daß ihr für mich nun den Weingarten und den Äcker fleißig
bearbeitet. Aus eurem Fleiße werde ich erkennen, welcher von euch beiden mich
am meisten liebt. Nun, das ist das Gesetz, laut welchem natürlich demjenigen
Sohne, der den Vater am meisten liebt, des Vaters Herrlichkeit zuteil wird.
14] Was tun aber die beiden Söhne?
Der eine nimmt den Spaten und sticht den ganzen Tag fleißig die Erde um und
bestellt den Acker und den Weingarten. Der andere läßt sich bei der Arbeit
mehr, wie man zu sagen pflegt, gut geschehen. Warum? Er spricht: Wenn ich auf
dem Acker oder in dem Weingarten bin, da muß ich stets meinen lieben Vater
entbehren, zudem bin Ich nicht so herrlichkeitssüchtig wie mein Bruder. Habe
ich nur meinen lieben Vater, kann ich nur um ihn sein, der meinem Herzen alles
ist, da frage ich wenig um eine oder die andere Zuteilung einer Herrlichkeit.
15] Der Vater sagt diesen zweiten
Sohne auch dann und wann: aber siehe, wie dein Bruder fleißig arbeitet und
sucht sich meine Liebe zu verdienen. Der Sohn aber spricht: O lieber Vater! Wenn
ich am Felde bin, da bin ich dir fern, und mein Herz läßt mich nicht ruhen,
sondern spricht immer laut zu mir: Die Liebe wohnt nicht in der Hand, sondern im
Herzen, daher will sie auch nicht mit der Hand, sondern mit dem Herzen verdient
sein. Gib Du, Vater, meinem Bruder, der so emsig arbeitet den Acker und den
Weingarten. Ich aber bin von dir hinreichend beteilt, wenn du mir nur erlaubst,
daß ich dich nach meiner Herzenslust allezeit lieben darf, wie ich dich lieben
will und muß, weil du mein Vater, mein Alles bist.
16] Was wird nun da wohl der
Vater sagen, und das aus dem innersten Grunde seines Herzens? Sicher nichts
anderes als:
17] Ja, du mein geliebtester
Sohn, dein Herz hat dir das meinige enthüllt; das Gesetz ist nur eine Prüfung.
Aber mein Sohn, die Liebe steckt nicht im Gesetze, denn jeder, der das Gesetz
allein hält, hält dasselbe aus Eigenliebe, um sich dadurch mit seiner Tatkraft
Meine Liebe und Meine Herrlichkeit zu verdienen. Der aber also das Gesetz hält,
der ist noch fern von Meiner Liebe, denn seine Liebe hängt nicht an Mir,
sondern am Lohne.
18] Du aber hast dich umgekehrt,
hast das Gesetz zwar nicht verschmäht, weil es dein Vater gegeben hat, aber du
hast dich erhoben über das Gesetz, und deine Liebe führte dich über demselben
zu deinem Vater zurück. Also soll denn auch dein Bruder den Äcker und den
Weingarten überkommen und in meine Herrlichkeit treten; du aber, mein
geliebtester Sohn, sollst haben, was du gesucht hast, nämlich den Vater Selbst
und alle Seine Liebe!
19] Ich meine, mein lieber
Freund, aus diesem Gleichnisse wird es etwa doch handgreiflich klar sein, was da
mehr ist, die allein trockene Gesetzhaltung oder deren Übergehung und das
Ergreifen der alleinigen Liebe.
20] Sollte dir die Sache noch
nicht völlig klar sein, da frage ich dich: So du Gelegenheit hättest, dir aus
zwei Jungfrauen eine Braut zu wählen, von denen du zwar überzeugt wärest, daß
dich beide lieben, aber noch nicht dessen völlig gewiß, welche dich am meisten
liebt. Würdest du nicht sehr wünschen, zu erfahren, welche dich am meisten
liebt, um sonach die dich am meisten Liebende zu wählen? Du sprichst: Das ist
ganz klar, aber wie es anstellen, um das zu erfahren? Das wolen wir sogleich
haben.
21] Siehe, zu der ersten kommst
du hin. Sie ist emsig und tätig. Aus Liebe zu dir weiß sie sich aus lauter
Arbeit nicht aus, und zwar aus lauter Arbeit für dich, denn sie macht für dich
Hemden, Strümpfe, Nachtleibchen und noch mehr dergleichen Kleidungsstücke. Sie
hat damit so vollauf zu tun, daß sie nicht selten aus lauter Arbeit kaum gewahr
wird, wenn du zu ihr kommst. Siehe, das ist die erste. - Die zweite arbeitet
sehr lässig. Sie arbeitet zwar auch für dich, aber ihr Herz ist zu sehr mit
dir beschäftigt, als daß sie ihre Aufmerksamkeit der Arbeit spenden könnte.
Besuchst du sie, und sie erblickt dich von weiten zu ihr kommend, da ist von
einer Arbeit keine Rede mehr; denn da kennt sie nichts Höheres, nichts
Verdienstlicheres als dich allein! Du allein bist ihr alles in allem, für dich
gibt sie alle Welt! Sage mir, welche der beiden wirst du dir wählen?
22] Du sprichst: Lieber Freund!
Um eine ganze Trillion ist mir die zweite lieber, denn was liegt mir an den paar
Hemden und Strümpfen? Offenbar ist hier ersichtlich, daß mich die erste ja nur
dadurch zu verdienen sucht, daß sie von mir die Anerkennung ihres Verdienstes
erzwingen will. Die andere aber sucht mich zu erlieben. Sie ist über alle
Verdienstlichkeit hinaus und kennt nichts Höheres als mich und meine Liebe.
Diese würde ich auch zu meinem Weibe nehmen.
23] Gut, sage ich dir, mein
lieber Freund, siehst du hier nicht deutlich das Wesen der Martha und der Maria?
Siehst du, was der Herr zu der gesetzesbeschäftigten Martha spricht und was zu
der müßigen Maria?
24] Aus dem aber kannst du auch
ersehen, was der Herr über das Gesetz hinaus von jedem Menschen verlangt, und
zugleich handgreiflich zu erkennen gibt, worin die Liebe des Menschen zu Gott
besteht. - Aus eben dem Grunde verflucht der Herr sogar, erregt in Seinem
Herzen, die Buchstabenerfüller des Gesetzes (die Pharisäer und
Schriftgelehrten nämlich), lobt den sündigen Zöllner und macht den Dieben,
Hurern und Ehebrechern das Himmelreich eher zugänglich als den trockenen
Buchstabendreschern.
25] Daher frage ich, der
Einwender, nun mit vollstem Rechte noch einmal, nach welchem Maßstabe man Gott
über alles lieben soll? Habe ich den Maßstab, dann habe ich alles, habe ich
aber den Maßstab nicht, dann Liebe ich wie einer, der nicht weiß, was die
Liebe ist. Daher noch einmal die Frage:
26] Wie soll man Gott über alles
lieben? - Und ich, Johannes, sage: Gott über alles lieben heißt:
27] Gott über alles Gesetz
hinaus lieben! - Wie das, soll die Folge zeigen. -
01]
Um aber gründlich zu erfahren und einzusehen, wie man Gott über das Gesetz
hinaus lieben soll, muß man wissen, daß das Gesetz an und für sich nichts
anderes als der trockene Weg zur eigentlichen Liebe Gottes ist.
02] Wer Gott in seinem
Herzen zu lieben anfängt, der hat den Weg schon zurückgelegt; wer
aber Gott nur durch die Haltung des Gesetzes liebt, der ist mit seiner liebe
noch immer ein Reisender auf dem Wege, allda keine Früchte wachsen und nicht
selten Räuber und Diebe des Wanderers harren.
03] Wer aber Gott rein liebt, der
liebt ihn schon über alles! Denn Gott über alles lieben heißt ja: Gott über
alles Gesetz hinaus lieben. Wer draußen am Wege ist, der muß fortwährend
Schritt um Schritt weiterschreiten, um so auf die mühevollste Weise das
vorgesteckte Ziel zu erreichen. Wer aber Gott alsogleich liebt, der überspringt
den ganzen Weg, also das ganze Gesetz, und er liebt sogestalt Gott über alles.
04] Man dürfte hier vielleicht
sagen: Das klingt sonderbar, denn nach unseren Begriffen heißt »Gott über
alles lieben«: Gott mehr lieben als alles in der Welt. - Gut, sage ich und
frage aber zugleich: Welchen Maßstab hat aber der Mensch dafür, um solch eine
Liebe zu bemessen? Der Einwender hat diese Maßstäbe der für den Menschen höchst
möglichen Liebe auf der Welt deutlich genug auseinandergesetzt und gezeigt, daß
der Mensch auf diese Weise für die Über-alles-Liebe zu Gott durchaus keinen Maßstab
hat.
05] Ich aber sage: Ist durch das
gegebene Gesetz nicht alles dargetan, wie sich der Mensch in seiner Begierde zu
den weltlichen Dingen zu verhalten hat? Im Gesetze sind sonach alle Dinge
dargestellt, und daneben für die Liebe des Menschen die gerechte Beschränkung
gegeben, nach der sich ein jeder Mensch zu den weltlichen Dingen zu verhalten
hat.
06] Wenn aber nun jemand Gott über
das Gesetz hinaus liebt, der liebt ihn sicher auch über alle weltlichen Dinge
hinaus, weil, wie gesagt, eben durch das Gesetz die Benutzung der weltlichen
Dinge und das Verhalten zu denselben nach der göttlichen Ordnung dargestellt
wird. Ein kurzer Nachtrag in vergleichender Stellung wird die ganze Sache
sonnenklar machen.
07] Der Herr spricht zum
reichen Jünglinge: »Verkaufe alles, teile es unter die Armen, und folge Mir!«
- Was heißt das? Mit anderen Worten nichts anderes als: So du,
Jüngling, das Gesetz beobachtet hast, so erhebe dich nun über dasselbe, gib
der Welt alle Gesetze und alle ihre Dinge zurück,
und du bleibe bei Mir, so hast du das Leben!
08] Wer wird hier nicht
erkennen, was Gott über das Gesetz hinaus lieben heißt?
09] Weiter
spricht der Herr zu den Jüngern: »So ihr nicht werdet wie dies
Kindlein, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen.« Was will
denn das sagen? Nichts anderes als:
10] So ihr nicht wie
dieses Kindlein, alles in der Welt nicht achtend, weder
das Gesetz, noch die Dinge der Welt, zu Mir
kommt und Mich wie dieses Kind mit aller Liebe ergreift, so werdet ihr nicht in
das Reich Gottes eingehen! Warum denn
nicht? Weil der Herr Selbst wieder spricht: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und
das Leben!« Wer also zu Mir, der Ich vollkommen eins bin mit dem Vater, Kommen
wird, der muß durch Mich in den Stall oder das Reich Gottes eingehen.
11] Solange sonach jemand nicht
den Herrn Selbst ergreift, so lange kann er nicht zu Ihm kommen, und wenn er
gleich wie ein Fels tausend Gesetze unveränderlich beobachtet hätte. Denn wer
am Wege noch ist, der ist noch nicht beim Herrn, wer aber beim Herrn ist, was
sollte der noch mit dem Wege zu schaffen haben?
12] Aber hier unter euch gibt es
Toren, und das zu vielen Hunderttausenden, die den Weg viel höher halten als
den Herrn. Und wenn sie schon beim Herrn sind, so kehren sie wieder um und
entfernen sich von Ihm, um nur am elenden Wege zu sein! Solche haben mehr Freude
an der Knechtschaft, an der Sklaverei, an dem harten Joche als an dem Herrn, der
jeden Menschen frei macht. Sein Joch ist überaus leicht und sanft Seine Bürde.
Leicht das Joch, auf daß es im Zuge des Lebens nicht drücke am Nacken der
Liebe zum Herrn und gar sanft die Bürde, welche ist das alleinige Gesetz der
Liebe! - Weiter sehen wir ein Beispiel.
13] Der gerechte Pharisäer lobt
sich selbst am Wege; aber der Zöllner findet den ganzen Weg überaus
beschwerlich. Denn; nimmer vermag er dessen Ziel zu überschauen. Er beugt sich
daher zutiefst vor dem Herrn in seinem Herzen, erkennt seine Schwäche und Unfähigkeit,
den Weg genau zu gehen. Dafür aber erfaßt er Gott den Herrn mit seinem Herzen
und macht dadurch einen Riesensprung über den ganzen beschwerlichen Weg und
erreicht dadurch sein Ziel!
14] Wer wird hier nicht mit den Händen
greifen, was »den Herrn über alles lieben« heißt? - Also gehen wir weiter.
Die Martha ist am Wege, die Maria am Ziele! Hier braucht man kaum mehr darüber
zu sagen, denn zu klar und deutlich zeigt sich hier, was »den Herrn über alles
lieben« heißt.
15] Wollen wir aber die Sache zum
Überflusse noch klarer haben, da betrachten wir noch die Szene, wo der Herr den
Petrus dreimal fragt, ob er ihn liebe? - Warum fragt Er ihn denn dreimal? Denn
der Herr wußte ja ohnehin, daß ihn Petrus lieb hatte, und wußte auch, daß
ihm Petrus die drei gleichen Fragen alle mit demselben Herzen und demselben
Munde gleichbedeutend beantworten wird. Das wußte der Herr. Nicht darum auch
hat Er diese Frage an den Petrus gestellt, sondern darum, daß der Petrus
bekennen sollte, daß er frei ist und den Herrn über alles Gesetz hinaus liebe.
Und so bedeutet die erste Frage: »Petrus, liebst du Mich« - Petrus, hast du
Mich gefunden auf dem Wege? - Solches bejaht Petrus, und der Herr spricht: »Weide
Meine Schafe«! das heißt: Lehre auch die Brüder Mich also finden! - Die
zweite Frage: Petrus, liebst du Mich? heißt: Petrus, bist du bei Mir, bist du
an der Türe? - Der Petrus bejaht solches, und der Herr spricht: »Also weide
Meine Schafe!« oder: Also bringe auch die Brüder, daß sie bei Mir seien an
der Türe zum Leben! - Und zum dritten Male fragt der Herr den Petrus: »Liebst
du Mich?« Das heißt so viel als: Petrus, bist du über alles Gesetz hinaus? Bist
du in Mir wie Ich in dir? - Ängstlich bejaht Petrus solches, und der Herr
spricht abermals: »Also weide Meine Schafe und folge Mir!« Das heißt so viel
als: Also bringe du auch die Brüder, daß sie in Mir seien und in Meiner
Ordnung und Liebe wohnen gleich wie du.
16] Denn dem Herrn folgen heißt:
in der Liebe des Herrn wohnen. Ich meine, mehr noch zu sagen, was Gott über
alles lieben heißt, wäre überflüssig. Und da wir nun solches wissen und das
Licht des Lichtes erkannt haben, so wollen wir uns sogleich in den zwölften und
letzten Saal begeben.
Von: Luis
Gesendet: Dienstag, 6. November 2001 00:26
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Gott über alles lieben Teil 2
...Fortsetzung
Im Gleichnis von
dem Pharisäer und Zöllner im Tempel gib sich der Zöllner durch
seine ungemein demütige Stellung jedem Beobachter getreu zu erkennen, daß er
eben mit der Haltung des Mosaischen Gesetzes nicht gar viel muß zu
schaffen gehabt haben, denn seiner Sünden gar wohl inne, getraut er
sich nicht einmal zum Heiligtume Gottes hinaufzublicken,
Frage:
warum,
wenn das Gesetz genügt, der Herr hier den das ganze Gesetz streng beobachtenden
Pharisäer als ungerechtfertigt und den armen sündigen Zöllner als
gerechtfertigt aus dem Tempel gehen läßt?
Fortsetzung
folgt...
Quelle: Siehe unten.
Herzliche Grüsse
Luis
·
Was heißt: Gott über alles lieben? {jl.gso2.100}
·
Worin besteht die Liebe zu Gott? {jl.gso2.101}
·
Wie man Gott über alles liebt {jl.gso2.102}
(auszüge aus CD von Gerd
Gutemann)
01] Ich sehe
einen, der da kommt und spricht: Es wäre schon alles recht, aber wie sollte man
dieses eine göttliche Wort an Gott Selbst realisieren? Wie sollte man denn so
ganz eigentlich Gott lieben, und das über alles? Sollte man in Gott etwa also
verliebt sein, wie ein junger Bräutigam in seine schöne und reiche Braut? Oder
sollte man in Gott also verliebt sein, wie ein Mathematiker in eine
mathematische Berechnung oder ein Astronom in seine Sterne? Oder sollte man also
verliebt sein wie ein Spekulant in seine Ware oder ein Kapitalist in sein Geld
oder wie ein Herrschaftsbesitzer in seine Herrschaften oder auch wie ein
herrschender Monarch in seinen Thron? Das sind die einzig möglichen Maßstäbe
ernster menschlicher Liebe, denn der Kinder Liebe zu ihren Eltern kann man nicht
füglich als einen ernsten Maßstab der Liebe aufstellen, indem das Beispiel
lehrt, daß Kinder ihre Eltern verlassen können, um entweder irgendeine gute
Heirat zu machen oder viel Geld zu gewinnen oder eine hohe Ehrenstelle
einzunehmen. Bei all dem tritt die Liebe der Kinder zu ihren Eltern zurück und
muß notwendig einer mächtigeren Platz machen. Daher sind hier nur die mächtigsten
Maßstäbe der menschlichen Liebe angeführt, und da fragt es sich, nach welchem
soll man so eigentlich die Liebe zu Gott bemessen?
02] Wenn aber nun jemand kommt und spricht: Nach diesen oder
jenem, da sage ich einwendend: Freund! Das kann nicht sein.
03] Es ist wahr, die von mir angeführten mächtigsten Liebemaßstäbe
sind wohl die einzigen, wonach des Menschen größte Liebekraft bemessen werden
kann; aber es heißt ja, man soll Gott über alles lieben, was so viel sagen
will als: mehr, als alles in der Welt.
04] Da fragt es sich, wie es anfangen, wie die Liebe zu einer
Potenz erheben, von der sich kein menschlicher Geist irgendeinen meßbaren oder
vergleichbaren Begriff machen kann? Man wird etwa sagen: Man solle Gott noch
mehr lieben als sein eigenes Leben. Da sage ich, der Einwender: Mit der Liebe
des eigenen Lebens hält die allerhöchste Liebe zu Gott noch weniger
irgendeinen Vergleich aus als mit der Liebe der Kinder zu ihren Eltern. Denn es
gehört schon viel dazu, daß die Kinder ihr Leben aus Liebe zu ihren Eltern
aufs Spiel setzen, im Gegenteil haben sie es lieber, so die Eltern für sie auf
Leben und Tod kämpfen.
05] Alsonach erscheint die Eigenliebe der Kinder gegenüber
der Liebe zu ihren Eltern nicht selten bei weitem mächtiger. Aber wir sehen
andererseits, daß die Kinder der Menschen für andere Vorteile häufig ihr
Leben beinahe verachtend aufs Spiel setzen. Der eine segelt in stürmischen Nächten
über den Ozean, ein anderer stellt sich vor die feuernde Front der feindlichen
Armee, ein dritter begibt sich nicht selten in lockere Abgründe der Erde, um
sich da metallene Schätze zu holen. Und so sehen wir, daß diese äußeren
weltlich-ernsten Maßstäbe menschlicher Liebe sicher kräftiger sind und eine
allgemeinere Geltung haben als die Liebe der Kinder zu ihren Eltern und die
Liebe zum eigenen Leben.
06] Aber was nützen alle diese Maßstäbe, wenn weit über
sie hinaus die Liebe zu Gott auf einer solchen Potenz stehen soll, gegen die
alle anderen Liebemaßstäbe ins reine Nichts zurücksinken sollen? Seht, meine
lieben Freunde und Brüder, unser Einwender hat uns scharf angegriffen, und wir
werden uns recht kräftig auf die beine stellen müssen, um gegen den Einwender
das Übergewicht zu gewinnen.
07] Aber Ich sehe soeben wieder einen sehr ernstlich
aussehenden Gegenkämpfer. Dieser tritt seines Sieges ganz sicher auf und
spricht: Oh, mit diesem Einwender werden wir bald fertig werden, denn der Herr
hat uns ja selbst den ausdrücklichen Maßstab gegeben, wie man Gott lieben
soll. Ich brauche daher nichts anderes zu sagen, als was der Herr Selbst gesagt
hat, nämlich: »Wer
Meine Gebote hält, der ist es, der Mich liebt«.
- Das ist somit der eigentliche Maßstab,
wie man Gott lieben soll.
08] Wenn der Einwender genug scharfe und starke Zähne hat, so
soll er noch versuchen, irgendeine andere unübertreffliche Liebeswaage
aufzustellen. Gut, sage ich, der Einwender ist noch zur Seite und macht Miene,
diesen Einwurf ein wenig zu zerbeißen. Wir wollen ihn daher anhören und sehen,
was er alles vorbringen wird. Er spricht:
09] Gut, mein lieber, freundlicher Gegner! In der Aufstellung
deiner Einwendung hast du mir gegenüber zum Maßstabe der höchsten Liebe zu
Gott nicht viel mehr bewiesen als ein ziemlich gutes Gedächtnis, dem du so
manche Texte aus der hl. Schrift zu danken hast. Aber siehe, wer aus all den
Texten einen lebendigen Nutzen ziehen will, der muß nicht nur wissen, wie sie
lauten, sondern er muß in sich lebendig verstehen, was sie sagen wallen.
10] Was würdest du denn sagen, so ich dir eben aus
dem Munde des Herrn Selbst gesprochen nicht nur einen, sondern mehrere Gegensätze
dazu aufstellen würde, laut denen der Herr Selbst die
Liebe aus der Erfüllung des Gesetzes als nicht genügend darstellt?
Du machst zwar jetzt ein Gesicht, als
möchtest du sagen: Dergleichen Texte dürften in der Schrift doch wohl etwas
karg ausgestreut sein. Ich aber erwidere dir: Lieber Freund durchaus nicht. Höre
mich nur an, ich will dir gleich mit einem halben Dutzend, so du es willst,
aufwarten.
11] Ist dir das Gespräch des Herrn mit dem reichen Jünglinge
bekannt? Fragt nicht dieser: »Meister, was soll ich tun, um das ewige Leben zu
gewinnen?« Was antwortet ihm da der Herr? Du sprichst triumphierend: Der Herr
spricht: »Halte die Gebote und liebe Gott, so wirst du leben!« Gut,
sage ich, was spricht aber der Jüngling? Er spricht: »Meister, das
habe ich von meiner Kindheit an gehalten«.
12] Das ist alles richtig. Warum aber, frage ich, hat der Jüngling
diese Antwort dem Herrn gegeben? Er wollte ihm dadurch sagen: Trotzdem ich das
alles von meiner Kindheit an gehalten habe, verspüre ich dennoch nichts von dem
wunderbaren ewigen Leben in mir.
13] Warum erklärt der Herr nun darauf dem Jünglinge die
Haltung der Gebote zur Erreichung des ewigen Lebens nicht als genügend, sondern
macht sogleich einen sehr gewaltigen Zusatz, indem Er spricht: »So
verkaufe alle deine Güter, verteile sie unter die Armen und folge Mir nach!«
14] Frage, wenn der Herr also Selbst einen solchen
Zusatz macht, genügen
da als höchste Liebe zu Gott die beobachteten Gesetze?
Siehe, da hat es schon einen Haken,
gehen wir aber weiter!
15] Was spricht einmal der Herr zu Seinen Aposteln und Jüngern,
als Er ihnen die zu erfüllenden Pflichten vorstellt und anpreist? Er spricht
nichts anderes als bloß die einfachen, sehr bedeutungsvollen Worte: »Wenn ihr
aber alles getan habt, da bekennt, daß ihr faule und unnütze Knechte seid«.
16] Ich frage dich nun: Erklärt hier der Herr die Haltung der
Gebote als genügend, indem Er jedoch offenbar erklärt, daß ein jeder das
Gesetz vollkommen erfüllende Mensch sich als völlig unnütz betrachten solle?
Siehe, da wäre der zweite schon etwas gewaltigere Haken. Aber nur weiter!
17] Kennst du das Gleichnis von dem Pharisäer und Zöllner im
Tempel? Der Pharisäer gibt sich frohen Gewissens vor dem Heiligtume selbst das
treue Zeugnis, daß er, wie gar viele nicht, das Gesetz Mosis in seinem ganzen
Umfange allezeit genauest, also vollkommen buchstäblich erfüllt habe. Der
arme Zöllner rückwärts in einem Winkel des Tempels aber gibt
durch seine ungemein demütige Stellung jedem Beobachter getreu zu erkennen, daß
er eben mit der Haltung des Mosaischen Gesetzes nicht gar viel muß zu schaffen
gehabt haben, denn seiner Sünden gar wohl inne, getraut er sich nicht
einmal zum Heiligtume Gottes hinaufzublicken, sondern bekennt selbst seine
Wertlosigkeit vor Gott und bittet ihn um Gnade und Erbarmen.
18] Da möchte ich denn doch wohl wissen von dir, du mein
lieber textkundiger Freund, warum, wenn
das Gesetz genügt, der Herr hier den das ganze Gesetz streng beobachtenden
Pharisäer als ungerechtfertigt und den armen sündigen Zöllner als
gerechtfertigt aus dem Tempel gehen läßt?
19]
Siehe, wenn man das so recht beim Lichte betrachtet, so scheint es, als hätte
der Herr da mit der alleinigen Haltung des Gesetzes schon wieder Selbst einen
dritten sehr bedeutenden Haken gemacht. Du zuckst nun schon mit den Achseln und
weißt nicht mehr, wie du daran bist. Mache dir aber nichts daraus, es soll
schon noch besser kommen! Also nur weiter.
20] Was möchtest du denn sagen, wenn ich dir aus der
Schrift, und zwar aus dem Munde des Herrn Selbst einen Text anführen möchte,
laut welchem Er das ganze
Gesetz indirekt als ungültig erklärt und
dafür ein ganz anderes Hilfsmittel setzt, durch welches Er Selbst einzig und
allein die Gewinnung des ewigen Lebens verbürgt?
21] Du sprichst nun: Guter Freund, diesen Text möchte ich
auch hören. Sollst ihn gleich haben, mein lieber Freund! Was spricht einmal der
Herr, als Er ein Kind am Wege fand, es aufnahm, herzte und kosete? Er spricht:
»So ihr nicht werdet wie dieses Kind, so werdet ihr nicht in das
Himmelreich eingehen!«
22] Frage: Hat
dieses Kind, das noch kaum einige Worte zu
lallen imstande war, die Gesetze Mosis je
studiert und dann sein Leben streng darnach
gerichtet? Auf der ganzen Welt gibt es
sicher keinen so dummen Menschen, der so etwas behaupten könnte. Frage demnach:
Wie konnte der Herr hier als höchstes Motiv zur Gewinnung des ewigen Lebens ein
Kind bezeichnen, das mit dem ganzen Gesetze Mosis noch nie ein Jota zu tun
hatte? Freund, ich sage hier nichts weiter als: So es dir beliebt so mache mir
darüber eine einwendliche Erörterung. Du schweigst. So ersehe ich, daß du mit
deiner Aufstellung dich bei diesem vierten Haken schon ziemlich tief in den
Hintergrund zurückgezogen hast. -
01] Du hast in
diesen vier Punkten gesehen, daß der Herr einesteils die alleinige Haltung des
Gesetzes zur Erlangung des eigentlichen ewigen Lebens nicht als hinreichend
darstellt und in dem vierten Punkte dasselbe sogar indirekt aufhebt.
02] Was möchtest du aber sagen, so ich dir
ein paar Punkte anführen möchte, wo der Herr
sich über die Haltung des Gesetzes sogar tadelnd ausspricht?
Du sagst hier: Das wird wohl nicht möglich
sein! Dafür kann ich dir soggleich nicht nur mit einem, sondern, so du es
willst, mit mehreren Beispielen aufwarten. Höre!
03] Jeder, der das Mosaische Gesetz in seinem Umfange nur
einigermaßen durchblättert hat, dem muß es bekannt sein, wie sehr Moses die
Gastfreundschaft dem jüdischen Volke anbefohlen hat. Wer sich gegen die
Gastfreundschaft versünidgte, war vor Gott und vor den Menschen für strafwürdig
erklärt. Das Gesetz der Gastfreundschaft ward dem jüdischen Volke, welches
sehr zur Habsucht geneigt war, um so mehr eingeschärft, um dieses Volk dadurch
vor der Eigenliebe und Habsucht zu verwahren und es zur Nächstenliebe zu
leiten.
04] Gesetz war es daher, einen fremden Gast, besonders wenn er
der jüdischen Nation angehörte, mit aller Aufmerksamkeit zu empfangen und zu
bedienen; und dieses Gesetz rührte von Gott her, denn Gott, und nicht Moses,
war der Gesetzgeber.
05] Als aber eben derselbe Herr, der einst durch Moses die
Gesetze gegeben hatte, zu Bethania in das Haus des Lazarus kommt, da ist Martha
gesetzesbeflissenst und bietet alle ihre Kräfte auf, um diesen allerwürdigsten
Gast gebührendst zu bedienen. Maria, ihre Schwester, vergißt
vor lauter Freude über den erhabenen Gast des Gesetzes, setzt sich untätig
zu Seinen Füßen hin und hört mit der größten Aufmerksamkeit die Erzählungen
und Gleichnisse des Herrn an. Martha, über ihrer Schwester Untätigkeit
und Gesetzesvergessenheit bei dieser Gelegenheit ein wenig erregt, wendet
sich selbst eifrig zum Herrn und spricht: »Herr! ich habe so viel zu
tun, beheiße Du doch meine Schwester, daß sie mir ein wenig helfe!« - Oder
noch deutlicher gesprochen: Herr, Du Gründer des Mosaischen Gesetzes,
erinnere doch meine Schwester an die Haltung desselben.
06] Was spricht aber der Herr hier? »Martha, Martha!«
spricht Er, »du machst dir viel zu schaffen um Weltliches! Maria aber hat sich
den besseren Teil erwählt, welcher ewig nimmer wird von ihr genommen werden.«
07] Sage du mir nun, mein lieber Freund, ob das nicht
ein offenbarer Tadel vom Herrn gegen die gar eimige und genaue Haltung des
Gesetzes ist, wie im Gegenteil eine außerordentliche Belobung
derjenigen Person, die sich gewisserart um das ganze Gesetz nicht kümmert,
sondern nur durch ihre Handlungsweise also spricht (Maria):
08] Herr, so ich nur Dich habe, da ist mir die ganze Welt um
den schlechtesten Stater feil! - Zeigt
hier der Herr nicht wieder, daß die alleinige Haltung des Gesetzes niemandem
den bessern, ja besten Teil gibt, der ewig nimmer von ihm genommen wird? Siehe,
das ist demnach ein fünfter Haken. Aber nur weiter!
09] Was spricht der Herr Selbst bei Moses, und zwar im dritten
Gebot: »Du sollst den Sabbat heiligen!«? Frage, was tut aber
der Herr Selbst im Angesichte Seiner buchstäblichen Erfüller des Gesetzes?
Siehe, Er geht her und entheiligt Selbst den Sabbat, offenbar nach dem
Buchstabensinne des Gesetzes, und erlaubt sogar Seinen Jüngern, an einem Sabbat
Ähren zu lesen und sich mit den Körnern zu sättigen. Wie gefällt
dir diese Haltung des Gesetzes Mosis, wo der Herr Selbst nicht nur allein für
Sich, sondern zum größten Ärgernisse der buchstäblichen Gesetzeserfüller
den ganzen Sabbat sozusagen über den Haufen wirft? Du wirst sagen, das konnte
der Herr ja wohl tun, denn Er ist auch ein Herr des Sabbates.
10] Gut, aber ich frage: Wußten die sich ärgernden Pharisäer,
daß des Zimmermanns Sohn ein Herr des Sabbats ist? - Du meinst, sie hätten
solches an Seinen Wunderwerken erkennen sollen. Da aber sage ich: Bei diesem
Volke waren Wunderwerke nicht hinreichend, um die vollkommene Göttlichkeit in
Christo zu erkennen, denn Wunderwerke haben alle Propheten gewirkt zu allen
Zeiten, die echten wie auch mitunter die falschen. Man kann also das nicht
voraussetzen, daß die Wunder Christi die Pharisäer von Seiner Göttlichkeit
und Herrlichkeit hätten überzeugen sollen.
11] Alle Propheten aber bis auf ihn haben den Sabbat
geheiligt, Er allein warf ihn über den Haufen. Mußte das nicht den
Buchstabenerfüllern ein Ärgernis sein? Allerdings, und dennoch ließ der Herr
nicht mit Sich handeln.
12] Was Geht aber aus dem hervor? Nichts anderes, als
daß der Herr die Haltung des
Gebotes allein für sich betrachtet ganz unten ansetzt. Warum?
Ein kleines Gleichnis aus deiner eigenen Sphäre wie aus der Sphäre eines jeden
Menschen, der je in der Welt gelebt hat, soll dir die Antwort bringen:
13] Ein Vater hat zwei Kinder. Er hat diesen Kindern seinen
Willen wie gesetzlich bekanntgegeben. Einen Acker und Weingarten zeigte er ihnen
und sprach: ihr seid kräftig geworden, und so verlange ich von euch, daß ihr für
mich nun den Weingarten und den Äcker fleißig bearbeitet. Aus eurem Fleiße
werde ich erkennen, welcher von euch beiden mich am meisten liebt. Nun, das ist
das Gesetz, laut welchem natürlich demjenigen Sohne, der den Vater am meisten
liebt, des Vaters Herrlichkeit zuteil wird.
14] Was tun aber die beiden Söhne? Der eine nimmt den Spaten
und sticht den ganzen Tag fleißig die Erde um und bestellt den Acker und den
Weingarten. Der andere läßt sich bei der Arbeit mehr, wie man zu sagen pflegt,
gut geschehen. Warum? Er spricht: Wenn ich auf dem Acker oder in dem Weingarten
bin, da muß ich stets meinen lieben Vater entbehren, zudem bin Ich nicht so
herrlichkeitssüchtig wie mein Bruder. Habe ich nur meinen lieben Vater, kann
ich nur um ihn sein, der meinem Herzen alles ist, da frage ich wenig um eine
oder die andere Zuteilung einer Herrlichkeit.
15] Der Vater sagt diesen zweiten Sohne auch dann und wann:
aber siehe, wie dein Bruder fleißig arbeitet und sucht sich meine Liebe zu
verdienen. Der Sohn aber spricht: O lieber Vater! Wenn ich am Felde bin, da bin
ich dir fern, und mein Herz läßt mich nicht ruhen, sondern spricht immer laut
zu mir: Die Liebe wohnt nicht in der Hand, sondern im Herzen, daher will sie
auch nicht mit der Hand, sondern mit dem Herzen verdient sein. Gib Du, Vater,
meinem Bruder, der so emsig arbeitet den Acker und den Weingarten. Ich aber bin
von dir hinreichend beteilt, wenn du mir nur erlaubst, daß ich dich nach meiner
Herzenslust allezeit lieben darf, wie ich dich lieben will und muß, weil du
mein Vater, mein Alles bist.
16] Was wird nun da wohl der Vater sagen, und das aus dem
innersten Grunde seines Herzens? Sicher nichts anderes als:
17] Ja, du mein geliebtester Sohn, dein Herz hat dir das
meinige enthüllt; das Gesetz ist nur eine Prüfung. Aber mein Sohn, die Liebe
steckt nicht im Gesetze, denn jeder, der das Gesetz allein hält, hält dasselbe
aus Eigenliebe, um sich dadurch mit seiner Tatkraft Meine Liebe und Meine
Herrlichkeit zu verdienen. Der aber also das Gesetz hält, der ist noch fern von
Meiner Liebe, denn seine Liebe hängt nicht an Mir, sondern am Lohne.
18] Du aber hast dich umgekehrt, hast das Gesetz zwar nicht
verschmäht, weil es dein Vater gegeben hat, aber du hast dich erhoben über das
Gesetz, und deine Liebe führte dich über demselben zu deinem Vater zurück.
Also soll denn auch dein Bruder den Äcker und den Weingarten überkommen und in
meine Herrlichkeit treten; du aber, mein geliebtester Sohn, sollst haben, was du
gesucht hast, nämlich den Vater Selbst und alle Seine Liebe!
19] Ich meine, mein lieber Freund, aus diesem Gleichnisse wird
es etwa doch handgreiflich klar sein, was da mehr ist, die allein trockene
Gesetzhaltung oder deren Übergehung und das Ergreifen der alleinigen Liebe.
20] Sollte dir die Sache noch nicht völlig klar sein, da
frage ich dich: So du Gelegenheit hättest, dir aus zwei Jungfrauen eine Braut
zu wählen, von denen du zwar überzeugt wärest, daß dich beide lieben, aber
noch nicht dessen völlig gewiß, welche dich am meisten liebt. Würdest du
nicht sehr wünschen, zu erfahren, welche dich am meisten liebt, um sonach die
dich am meisten Liebende zu wählen? Du sprichst: Das ist ganz klar, aber wie es
anstellen, um das zu erfahren? Das wolen wir sogleich haben.
21] Siehe, zu der ersten kommst du hin. Sie ist emsig und tätig.
Aus Liebe zu dir weiß sie sich aus lauter Arbeit nicht aus, und zwar aus lauter
Arbeit für dich, denn sie macht für dich Hemden, Strümpfe, Nachtleibchen und
noch mehr dergleichen Kleidungsstücke. Sie hat damit so vollauf zu tun, daß
sie nicht selten aus lauter Arbeit kaum gewahr wird, wenn du zu ihr kommst.
Siehe, das ist die erste. - Die zweite arbeitet sehr lässig. Sie arbeitet zwar
auch für dich, aber ihr Herz ist zu sehr mit dir beschäftigt, als daß sie
ihre Aufmerksamkeit der Arbeit spenden könnte. Besuchst du sie, und sie
erblickt dich von weiten zu ihr kommend, da ist von einer Arbeit keine Rede
mehr; denn da kennt sie nichts Höheres, nichts Verdienstlicheres als dich
allein! Du allein bist ihr alles in allem, für dich gibt sie alle Welt! Sage
mir, welche der beiden wirst du dir wählen?
22] Du sprichst: Lieber Freund! Um eine ganze Trillion ist mir
die zweite lieber, denn was liegt mir an den paar Hemden und Strümpfen?
Offenbar ist hier ersichtlich, daß mich die erste ja nur dadurch zu verdienen
sucht, daß sie von mir die Anerkennung ihres Verdienstes erzwingen will. Die
andere aber sucht mich zu erlieben. Sie ist über alle Verdienstlichkeit hinaus
und kennt nichts Höheres als mich und meine Liebe. Diese würde ich auch zu
meinem Weibe nehmen.
23] Gut, sage ich dir, mein lieber Freund, siehst du hier
nicht deutlich das Wesen der Martha und der Maria? Siehst du, was der Herr zu
der gesetzesbeschäftigten Martha spricht und was zu der müßigen Maria?
24] Aus dem aber kannst du auch ersehen, was der Herr über
das Gesetz hinaus von jedem Menschen verlangt, und zugleich handgreiflich zu
erkennen gibt, worin die Liebe des Menschen zu Gott besteht. - Aus eben dem
Grunde verflucht der Herr sogar, erregt in Seinem Herzen, die Buchstabenerfüller
des Gesetzes (die Pharisäer und Schriftgelehrten nämlich), lobt den sündigen
Zöllner und macht den Dieben, Hurern und Ehebrechern das Himmelreich eher zugänglich
als den trockenen Buchstabendreschern.
25] Daher frage ich, der Einwender, nun mit vollstem Rechte
noch einmal, nach welchem Maßstabe man Gott über alles lieben soll? Habe ich
den Maßstab, dann habe ich alles, habe ich aber den Maßstab nicht, dann Liebe
ich wie einer, der nicht weiß, was die Liebe ist. Daher noch einmal die Frage:
26] Wie soll man Gott über alles lieben? - Und ich, Johannes,
sage: Gott über alles lieben heißt:
27] Gott über alles Gesetz hinaus lieben! - Wie das, soll die
Folge zeigen. -
01] Um aber gründlich
zu erfahren und einzusehen, wie man Gott über das Gesetz hinaus lieben soll, muß
man wissen, daß das Gesetz an und für sich nichts anderes als der trockene Weg
zur eigentlichen Liebe Gottes ist.
02] Wer Gott in seinem Herzen zu lieben anfängt, der
hat den Weg schon zurückgelegt; wer aber Gott nur durch die Haltung
des Gesetzes liebt, der ist mit seiner liebe noch immer ein Reisender auf dem
Wege, allda keine Früchte wachsen und nicht selten Räuber und Diebe des
Wanderers harren.
03] Wer aber Gott rein liebt, der liebt ihn schon über alles!
Denn Gott über alles lieben heißt ja: Gott über alles Gesetz hinaus lieben.
Wer draußen am Wege ist, der muß fortwährend Schritt um Schritt
weiterschreiten, um so auf die mühevollste Weise das vorgesteckte Ziel zu
erreichen. Wer aber Gott alsogleich liebt, der überspringt den ganzen
Weg, also das ganze Gesetz, und er liebt sogestalt Gott über alles.
04] Man dürfte hier vielleicht sagen: Das klingt sonderbar,
denn nach unseren Begriffen heißt »Gott über alles lieben«: Gott mehr lieben
als alles in der Welt. - Gut, sage ich und frage aber zugleich: Welchen Maßstab
hat aber der Mensch dafür, um solch eine Liebe zu bemessen? Der Einwender hat
diese Maßstäbe der für den Menschen höchst möglichen Liebe auf der Welt
deutlich genug auseinandergesetzt und gezeigt, daß der Mensch auf diese Weise für
die Über-alles-Liebe zu Gott durchaus keinen Maßstab hat.
05] Ich aber sage: Ist durch das gegebene Gesetz nicht alles
dargetan, wie sich der Mensch in seiner Begierde zu den weltlichen Dingen zu
verhalten hat? Im Gesetze sind sonach alle Dinge dargestellt, und daneben für
die Liebe des Menschen die gerechte Beschränkung gegeben, nach der sich ein
jeder Mensch zu den weltlichen Dingen zu verhalten hat.
06] Wenn aber nun jemand Gott über das Gesetz hinaus liebt,
der liebt ihn sicher auch über alle weltlichen Dinge hinaus, weil, wie gesagt,
eben durch das Gesetz die Benutzung der weltlichen Dinge und das Verhalten zu
denselben nach der göttlichen Ordnung dargestellt wird. Ein kurzer Nachtrag in
vergleichender Stellung wird die ganze Sache sonnenklar machen.
07] Der Herr spricht zum reichen Jünglinge: »Verkaufe
alles, teile es unter die Armen, und folge Mir!« - Was heißt das? Mit
anderen Worten nichts anderes als: So du, Jüngling, das Gesetz
beobachtet hast, so erhebe dich nun über dasselbe, gib
der Welt alle Gesetze und alle ihre Dinge zurück,
und du bleibe bei Mir, so hast du das Leben!
08] Wer wird hier nicht erkennen, was Gott über das
Gesetz hinaus lieben heißt?
09] Weiter spricht der Herr zu den Jüngern:
»So ihr nicht werdet wie dies Kindlein, so werdet ihr nicht in das
Reich Gottes eingehen.« Was will denn das sagen? Nichts anderes als:
10] So ihr nicht wie dieses Kindlein, alles in der
Welt nicht achtend, weder das
Gesetz, noch die Dinge der Welt, zu Mir kommt
und Mich wie dieses Kind mit aller Liebe ergreift, so werdet ihr nicht in das
Reich Gottes eingehen! Warum denn
nicht? Weil der Herr Selbst wieder spricht: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und
das Leben!« Wer also zu Mir, der Ich vollkommen eins bin mit dem Vater, Kommen
wird, der muß durch Mich in den Stall oder das Reich Gottes eingehen.
11] Solange sonach jemand nicht den Herrn Selbst ergreift, so
lange kann er nicht zu Ihm kommen, und wenn er gleich wie ein Fels tausend
Gesetze unveränderlich beobachtet hätte. Denn wer am Wege noch ist, der ist
noch nicht beim Herrn, wer aber beim Herrn ist, was sollte der noch mit dem Wege
zu schaffen haben?
12] Aber hier unter euch gibt es Toren, und das zu vielen
Hunderttausenden, die den Weg viel höher halten als den Herrn. Und wenn sie
schon beim Herrn sind, so kehren sie wieder um und entfernen sich von Ihm, um
nur am elenden Wege zu sein! Solche haben mehr Freude an der Knechtschaft, an
der Sklaverei, an dem harten Joche als an dem Herrn, der jeden Menschen frei
macht. Sein Joch ist überaus leicht und sanft Seine Bürde. Leicht das Joch,
auf daß es im Zuge des Lebens nicht drücke am Nacken der Liebe zum Herrn und
gar sanft die Bürde, welche ist das alleinige Gesetz der Liebe! - Weiter sehen
wir ein Beispiel.
13] Der gerechte Pharisäer lobt sich selbst am Wege; aber der
Zöllner findet den ganzen Weg überaus beschwerlich. Denn; nimmer vermag er
dessen Ziel zu überschauen. Er beugt sich daher zutiefst vor dem Herrn in
seinem Herzen, erkennt seine Schwäche und Unfähigkeit, den Weg genau zu gehen.
Dafür aber erfaßt er Gott den Herrn mit seinem Herzen und macht dadurch einen
Riesensprung über den ganzen beschwerlichen Weg und erreicht dadurch sein Ziel!
14] Wer wird hier nicht mit den Händen greifen, was »den
Herrn über alles lieben« heißt? - Also gehen wir weiter. Die Martha ist am
Wege, die Maria am Ziele! Hier braucht man kaum mehr darüber zu sagen, denn zu
klar und deutlich zeigt sich hier, was »den Herrn über alles lieben« heißt.
15] Wollen wir aber die Sache zum Überflusse noch klarer
haben, da betrachten wir noch die Szene, wo der Herr den Petrus dreimal fragt,
ob er ihn liebe? - Warum fragt Er ihn denn dreimal? Denn der Herr wußte ja
ohnehin, daß ihn Petrus lieb hatte, und wußte auch, daß ihm Petrus die drei
gleichen Fragen alle mit demselben Herzen und demselben Munde gleichbedeutend
beantworten wird. Das wußte der Herr. Nicht darum auch hat Er diese Frage an
den Petrus gestellt, sondern darum, daß der Petrus bekennen sollte, daß er
frei ist und den Herrn über alles Gesetz hinaus liebe. Und so bedeutet die
erste Frage: »Petrus, liebst du Mich« - Petrus, hast du Mich gefunden auf dem
Wege? - Solches bejaht Petrus, und der Herr spricht: »Weide Meine Schafe«! das
heißt: Lehre auch die Brüder Mich also finden! - Die zweite Frage: Petrus,
liebst du Mich? heißt: Petrus, bist du bei Mir, bist du an der Türe? - Der
Petrus bejaht solches, und der Herr spricht: »Also weide Meine Schafe!« oder:
Also bringe auch die Brüder, daß sie bei Mir seien an der Türe zum Leben! -
Und zum dritten Male fragt der Herr den Petrus: »Liebst du Mich?« Das
heißt so viel als: Petrus, bist du über alles Gesetz hinaus? Bist du
in Mir wie Ich in dir? - Ängstlich bejaht Petrus solches, und der Herr spricht
abermals: »Also weide Meine Schafe und folge Mir!« Das heißt so viel als:
Also bringe du auch die Brüder, daß sie in Mir seien und in Meiner Ordnung und
Liebe wohnen gleich wie du.
16] Denn dem Herrn folgen heißt: in der Liebe des Herrn
wohnen. Ich meine, mehr noch zu sagen, was Gott über alles lieben heißt, wäre
überflüssig. Und da wir nun solches wissen und das Licht des Lichtes erkannt
haben, so wollen wir uns sogleich in den zwölften und letzten Saal begeben.
Von: Luis
Gesendet: Dienstag, 6. November 2001 00:26
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Gott über alles lieben Teil 3
...Fortsetzung
In der
Bibel gibt es ein Text, laut welchem der Herr das ganze Gesetz indirekt
als ungültig erklärt
und dafür ein ganz anderes
Hilfsmittel setzt, durch welches Er Selbst einzig und allein die Gewinnung des
ewigen Lebens verbürgt?
Text:
Was
spricht einmal der Herr, als Er ein Kind am Wege fand, es aufnahm, herzte und
kosete? Er spricht: »So ihr nicht werdet wie dieses Kind, so werdet ihr nicht
in das Himmelreich eingehen!«
Frage:
Hat
dieses Kind, das noch kaum einige Worte zu lallen imstande war, die Gesetze
Mosis je studiert und dann sein Leben streng darnach gerichtet?
Es gibt sogar
Texte, wo der Herr sich über die Haltung des Gesetzes sogar tadelnd
ausspricht?
Beispiel:
Als
Maria (Schwester von Lazarus) setzt sich untätig zu Jesu Füßen hin und hört
den Herrn an. Martha erregt sich über ihrer Schwester Untätigkeit und Gesetzesvergessenheit
(Strenge Gastbewirtungsgesetzt der Juden) und spricht: »Herr, Du
Gründer des Mosaischen Gesetzes, erinnere doch meine Schwester an die Haltung
desselben.«
Es ist bekannt aus der Bibel, dass der Herr
tadelt Martha und belobt Maria,
die sich gewisserart um das ganze Gesetz nicht kümmert.
Frage:
Zeigt
hier der Herr nicht wieder, daß die alleinige Haltung des Gesetzes niemandem
den bessern, ja besten Teil gibt, der ewig nimmer von ihm genommen wird?
Wer bis hierher
das ganze mitverfolgt hat, kann dann leicht den Rest und besonders die Enthüllung
des Geheimnises der Gottesliebe im Gleichnis de Vater mit seinem zwei Kinder
selber lesen.
Unserer
himmlicher Vater sei gelobt und geliebt für Seine grosse Gnade für uns Seinen
Schwachen Kinder.
Herzliche Grüsse
Luis
·
Was heißt: Gott über alles lieben? {jl.gso2.100}
·
Worin besteht die Liebe zu Gott? {jl.gso2.101}
·
Wie man Gott über alles liebt {jl.gso2.102}
(auszüge aus CD von Gerd
Gutemann)
01] Ich sehe
einen, der da kommt und spricht: Es wäre schon alles recht, aber wie sollte man
dieses eine göttliche Wort an Gott Selbst realisieren? Wie sollte man denn so
ganz eigentlich Gott lieben, und das über alles? Sollte man in Gott etwa also
verliebt sein, wie ein junger Bräutigam in seine schöne und reiche Braut? Oder
sollte man in Gott also verliebt sein, wie ein Mathematiker in eine
mathematische Berechnung oder ein Astronom in seine Sterne? Oder sollte man also
verliebt sein wie ein Spekulant in seine Ware oder ein Kapitalist in sein Geld
oder wie ein Herrschaftsbesitzer in seine Herrschaften oder auch wie ein
herrschender Monarch in seinen Thron? Das sind die einzig möglichen Maßstäbe
ernster menschlicher Liebe, denn der Kinder Liebe zu ihren Eltern kann man nicht
füglich als einen ernsten Maßstab der Liebe aufstellen, indem das Beispiel
lehrt, daß Kinder ihre Eltern verlassen können, um entweder irgendeine gute
Heirat zu machen oder viel Geld zu gewinnen oder eine hohe Ehrenstelle
einzunehmen. Bei all dem tritt die Liebe der Kinder zu ihren Eltern zurück und
muß notwendig einer mächtigeren Platz machen. Daher sind hier nur die mächtigsten
Maßstäbe der menschlichen Liebe angeführt, und da fragt es sich, nach welchem
soll man so eigentlich die Liebe zu Gott bemessen?
02] Wenn aber nun jemand kommt und spricht: Nach diesen oder
jenem, da sage ich einwendend: Freund! Das kann nicht sein.
03] Es ist wahr, die von mir angeführten mächtigsten Liebemaßstäbe
sind wohl die einzigen, wonach des Menschen größte Liebekraft bemessen werden
kann; aber es heißt ja, man soll Gott über alles lieben, was so viel sagen
will als: mehr, als alles in der Welt.
04] Da fragt es sich, wie es anfangen, wie die Liebe zu einer
Potenz erheben, von der sich kein menschlicher Geist irgendeinen meßbaren oder
vergleichbaren Begriff machen kann? Man wird etwa sagen: Man solle Gott noch
mehr lieben als sein eigenes Leben. Da sage ich, der Einwender: Mit der Liebe
des eigenen Lebens hält die allerhöchste Liebe zu Gott noch weniger
irgendeinen Vergleich aus als mit der Liebe der Kinder zu ihren Eltern. Denn es
gehört schon viel dazu, daß die Kinder ihr Leben aus Liebe zu ihren Eltern
aufs Spiel setzen, im Gegenteil haben sie es lieber, so die Eltern für sie auf
Leben und Tod kämpfen.
05] Alsonach erscheint die Eigenliebe der Kinder gegenüber
der Liebe zu ihren Eltern nicht selten bei weitem mächtiger. Aber wir sehen
andererseits, daß die Kinder der Menschen für andere Vorteile häufig ihr
Leben beinahe verachtend aufs Spiel setzen. Der eine segelt in stürmischen Nächten
über den Ozean, ein anderer stellt sich vor die feuernde Front der feindlichen
Armee, ein dritter begibt sich nicht selten in lockere Abgründe der Erde, um
sich da metallene Schätze zu holen. Und so sehen wir, daß diese äußeren
weltlich-ernsten Maßstäbe menschlicher Liebe sicher kräftiger sind und eine
allgemeinere Geltung haben als die Liebe der Kinder zu ihren Eltern und die
Liebe zum eigenen Leben.
06] Aber was nützen alle diese Maßstäbe, wenn weit über
sie hinaus die Liebe zu Gott auf einer solchen Potenz stehen soll, gegen die
alle anderen Liebemaßstäbe ins reine Nichts zurücksinken sollen? Seht, meine
lieben Freunde und Brüder, unser Einwender hat uns scharf angegriffen, und wir
werden uns recht kräftig auf die beine stellen müssen, um gegen den Einwender
das Übergewicht zu gewinnen.
07] Aber Ich sehe soeben wieder einen sehr ernstlich
aussehenden Gegenkämpfer. Dieser tritt seines Sieges ganz sicher auf und
spricht: Oh, mit diesem Einwender werden wir bald fertig werden, denn der Herr
hat uns ja selbst den ausdrücklichen Maßstab gegeben, wie man Gott lieben
soll. Ich brauche daher nichts anderes zu sagen, als was der Herr Selbst gesagt
hat, nämlich: »Wer
Meine Gebote hält, der ist es, der Mich liebt«.
- Das ist somit der eigentliche Maßstab,
wie man Gott lieben soll.
08] Wenn der Einwender genug scharfe und starke Zähne hat, so
soll er noch versuchen, irgendeine andere unübertreffliche Liebeswaage
aufzustellen. Gut, sage ich, der Einwender ist noch zur Seite und macht Miene,
diesen Einwurf ein wenig zu zerbeißen. Wir wollen ihn daher anhören und sehen,
was er alles vorbringen wird. Er spricht:
09] Gut, mein lieber, freundlicher Gegner! In der Aufstellung
deiner Einwendung hast du mir gegenüber zum Maßstabe der höchsten Liebe zu
Gott nicht viel mehr bewiesen als ein ziemlich gutes Gedächtnis, dem du so
manche Texte aus der hl. Schrift zu danken hast. Aber siehe, wer aus all den
Texten einen lebendigen Nutzen ziehen will, der muß nicht nur wissen, wie sie
lauten, sondern er muß in sich lebendig verstehen, was sie sagen wallen.
10] Was würdest du denn sagen, so ich dir eben aus
dem Munde des Herrn Selbst gesprochen nicht nur einen, sondern mehrere Gegensätze
dazu aufstellen würde, laut denen der Herr Selbst die
Liebe aus der Erfüllung des Gesetzes als nicht genügend darstellt?
Du machst zwar jetzt ein Gesicht, als
möchtest du sagen: Dergleichen Texte dürften in der Schrift doch wohl etwas
karg ausgestreut sein. Ich aber erwidere dir: Lieber Freund durchaus nicht. Höre
mich nur an, ich will dir gleich mit einem halben Dutzend, so du es willst,
aufwarten.
11] Ist dir das Gespräch des Herrn mit dem reichen Jünglinge
bekannt? Fragt nicht dieser: »Meister, was soll ich tun, um das ewige Leben zu
gewinnen?« Was antwortet ihm da der Herr? Du sprichst triumphierend: Der Herr
spricht: »Halte die Gebote und liebe Gott, so wirst du leben!« Gut,
sage ich, was spricht aber der Jüngling? Er spricht: »Meister, das
habe ich von meiner Kindheit an gehalten«.
12] Das ist alles richtig. Warum aber, frage ich, hat der Jüngling
diese Antwort dem Herrn gegeben? Er wollte ihm dadurch sagen: Trotzdem ich das
alles von meiner Kindheit an gehalten habe, verspüre ich dennoch nichts von dem
wunderbaren ewigen Leben in mir.
13] Warum erklärt der Herr nun darauf dem Jünglinge die
Haltung der Gebote zur Erreichung des ewigen Lebens nicht als genügend, sondern
macht sogleich einen sehr gewaltigen Zusatz, indem Er spricht: »So
verkaufe alle deine Güter, verteile sie unter die Armen und folge Mir nach!«
14] Frage, wenn der Herr also Selbst einen solchen
Zusatz macht, genügen
da als höchste Liebe zu Gott die beobachteten Gesetze?
Siehe, da hat es schon einen Haken,
gehen wir aber weiter!
15] Was spricht einmal der Herr zu Seinen Aposteln und Jüngern,
als Er ihnen die zu erfüllenden Pflichten vorstellt und anpreist? Er spricht
nichts anderes als bloß die einfachen, sehr bedeutungsvollen Worte: »Wenn ihr
aber alles getan habt, da bekennt, daß ihr faule und unnütze Knechte seid«.
16] Ich frage dich nun: Erklärt hier der Herr die Haltung der
Gebote als genügend, indem Er jedoch offenbar erklärt, daß ein jeder das
Gesetz vollkommen erfüllende Mensch sich als völlig unnütz betrachten solle?
Siehe, da wäre der zweite schon etwas gewaltigere Haken. Aber nur weiter!
17] Kennst du das Gleichnis von dem Pharisäer und Zöllner im
Tempel? Der Pharisäer gibt sich frohen Gewissens vor dem Heiligtume selbst das
treue Zeugnis, daß er, wie gar viele nicht, das Gesetz Mosis in seinem ganzen
Umfange allezeit genauest, also vollkommen buchstäblich erfüllt habe. Der
arme Zöllner rückwärts in einem Winkel des Tempels aber gibt
durch seine ungemein demütige Stellung jedem Beobachter getreu zu erkennen, daß
er eben mit der Haltung des Mosaischen Gesetzes nicht gar viel muß zu schaffen
gehabt haben, denn seiner Sünden gar wohl inne, getraut er sich nicht
einmal zum Heiligtume Gottes hinaufzublicken, sondern bekennt selbst seine
Wertlosigkeit vor Gott und bittet ihn um Gnade und Erbarmen.
18] Da möchte ich denn doch wohl wissen von dir, du mein
lieber textkundiger Freund, warum, wenn
das Gesetz genügt, der Herr hier den das ganze Gesetz streng beobachtenden
Pharisäer als ungerechtfertigt und den armen sündigen Zöllner als
gerechtfertigt aus dem Tempel gehen läßt?
19]
Siehe, wenn man das so recht beim Lichte betrachtet, so scheint es, als hätte
der Herr da mit der alleinigen Haltung des Gesetzes schon wieder Selbst einen
dritten sehr bedeutenden Haken gemacht. Du zuckst nun schon mit den Achseln und
weißt nicht mehr, wie du daran bist. Mache dir aber nichts daraus, es soll
schon noch besser kommen! Also nur weiter.
20] Was möchtest du denn sagen, wenn ich dir aus der
Schrift, und zwar aus dem Munde des Herrn Selbst einen Text anführen möchte,
laut welchem Er das ganze
Gesetz indirekt als ungültig erklärt und
dafür ein ganz anderes Hilfsmittel setzt, durch welches Er Selbst einzig und
allein die Gewinnung des ewigen Lebens verbürgt?
21] Du sprichst nun: Guter Freund, diesen Text möchte ich
auch hören. Sollst ihn gleich haben, mein lieber Freund! Was spricht einmal der
Herr, als Er ein Kind am Wege fand, es aufnahm, herzte und kosete? Er spricht:
»So ihr nicht werdet wie dieses Kind, so werdet ihr nicht in das
Himmelreich eingehen!«
22] Frage: Hat
dieses Kind, das noch kaum einige Worte zu
lallen imstande war, die Gesetze Mosis je
studiert und dann sein Leben streng darnach
gerichtet? Auf der ganzen Welt gibt es
sicher keinen so dummen Menschen, der so etwas behaupten könnte. Frage demnach:
Wie konnte der Herr hier als höchstes Motiv zur Gewinnung des ewigen Lebens ein
Kind bezeichnen, das mit dem ganzen Gesetze Mosis noch nie ein Jota zu tun
hatte? Freund, ich sage hier nichts weiter als: So es dir beliebt so mache mir
darüber eine einwendliche Erörterung. Du schweigst. So ersehe ich, daß du mit
deiner Aufstellung dich bei diesem vierten Haken schon ziemlich tief in den
Hintergrund zurückgezogen hast. -
01] Du hast in
diesen vier Punkten gesehen, daß der Herr einesteils die alleinige Haltung des
Gesetzes zur Erlangung des eigentlichen ewigen Lebens nicht als hinreichend
darstellt und in dem vierten Punkte dasselbe sogar indirekt aufhebt.
02] Was möchtest du aber sagen, so ich dir
ein paar Punkte anführen möchte, wo der Herr
sich über die Haltung des Gesetzes sogar tadelnd ausspricht?
Du sagst hier: Das wird wohl nicht möglich
sein! Dafür kann ich dir soggleich nicht nur mit einem, sondern, so du es
willst, mit mehreren Beispielen aufwarten. Höre!
03] Jeder, der das Mosaische Gesetz in seinem Umfange nur
einigermaßen durchblättert hat, dem muß es bekannt sein, wie sehr Moses die
Gastfreundschaft dem jüdischen Volke anbefohlen hat. Wer sich gegen die
Gastfreundschaft versünidgte, war vor Gott und vor den Menschen für strafwürdig
erklärt. Das Gesetz der Gastfreundschaft ward dem jüdischen Volke, welches
sehr zur Habsucht geneigt war, um so mehr eingeschärft, um dieses Volk dadurch
vor der Eigenliebe und Habsucht zu verwahren und es zur Nächstenliebe zu
leiten.
04] Gesetz war es daher, einen fremden Gast, besonders wenn er
der jüdischen Nation angehörte, mit aller Aufmerksamkeit zu empfangen und zu
bedienen; und dieses Gesetz rührte von Gott her, denn Gott, und nicht Moses,
war der Gesetzgeber.
05] Als aber eben derselbe Herr, der einst durch Moses die
Gesetze gegeben hatte, zu Bethania in das Haus des Lazarus kommt, da ist Martha
gesetzesbeflissenst und bietet alle ihre Kräfte auf, um diesen allerwürdigsten
Gast gebührendst zu bedienen. Maria, ihre Schwester, vergißt
vor lauter Freude über den erhabenen Gast des Gesetzes, setzt sich untätig
zu Seinen Füßen hin und hört mit der größten Aufmerksamkeit die Erzählungen
und Gleichnisse des Herrn an. Martha, über ihrer Schwester Untätigkeit
und Gesetzesvergessenheit bei dieser Gelegenheit ein wenig erregt, wendet
sich selbst eifrig zum Herrn und spricht: »Herr! ich habe so viel zu
tun, beheiße Du doch meine Schwester, daß sie mir ein wenig helfe!« - Oder
noch deutlicher gesprochen: Herr, Du Gründer des Mosaischen Gesetzes,
erinnere doch meine Schwester an die Haltung desselben.
06] Was spricht aber der Herr hier? »Martha, Martha!«
spricht Er, »du machst dir viel zu schaffen um Weltliches! Maria aber hat sich
den besseren Teil erwählt, welcher ewig nimmer wird von ihr genommen werden.«
07] Sage du mir nun, mein lieber Freund, ob das nicht
ein offenbarer Tadel vom Herrn gegen die gar eimige und genaue Haltung des
Gesetzes ist, wie im Gegenteil eine außerordentliche Belobung
derjenigen Person, die sich gewisserart um das ganze Gesetz nicht kümmert,
sondern nur durch ihre Handlungsweise also spricht (Maria):
08] Herr, so ich nur Dich habe, da ist mir die ganze Welt um
den schlechtesten Stater feil! - Zeigt
hier der Herr nicht wieder, daß die alleinige Haltung des Gesetzes niemandem
den bessern, ja besten Teil gibt, der ewig nimmer von ihm genommen wird? Siehe,
das ist demnach ein fünfter Haken. Aber nur weiter!
09] Was spricht der Herr Selbst bei Moses, und zwar im dritten
Gebot: »Du sollst den Sabbat heiligen!«? Frage, was tut aber
der Herr Selbst im Angesichte Seiner buchstäblichen Erfüller des Gesetzes?
Siehe, Er geht her und entheiligt Selbst den Sabbat, offenbar nach dem
Buchstabensinne des Gesetzes, und erlaubt sogar Seinen Jüngern, an einem Sabbat
Ähren zu lesen und sich mit den Körnern zu sättigen. Wie gefällt
dir diese Haltung des Gesetzes Mosis, wo der Herr Selbst nicht nur allein für
Sich, sondern zum größten Ärgernisse der buchstäblichen Gesetzeserfüller
den ganzen Sabbat sozusagen über den Haufen wirft? Du wirst sagen, das konnte
der Herr ja wohl tun, denn Er ist auch ein Herr des Sabbates.
10] Gut, aber ich frage: Wußten die sich ärgernden Pharisäer,
daß des Zimmermanns Sohn ein Herr des Sabbats ist? - Du meinst, sie hätten
solches an Seinen Wunderwerken erkennen sollen. Da aber sage ich: Bei diesem
Volke waren Wunderwerke nicht hinreichend, um die vollkommene Göttlichkeit in
Christo zu erkennen, denn Wunderwerke haben alle Propheten gewirkt zu allen
Zeiten, die echten wie auch mitunter die falschen. Man kann also das nicht
voraussetzen, daß die Wunder Christi die Pharisäer von Seiner Göttlichkeit
und Herrlichkeit hätten überzeugen sollen.
11] Alle Propheten aber bis auf ihn haben den Sabbat
geheiligt, Er allein warf ihn über den Haufen. Mußte das nicht den
Buchstabenerfüllern ein Ärgernis sein? Allerdings, und dennoch ließ der Herr
nicht mit Sich handeln.
12] Was Geht aber aus dem hervor? Nichts anderes, als
daß der Herr die Haltung des
Gebotes allein für sich betrachtet ganz unten ansetzt. Warum?
Ein kleines Gleichnis aus deiner eigenen Sphäre wie aus der Sphäre eines jeden
Menschen, der je in der Welt gelebt hat, soll dir die Antwort bringen:
13] Ein Vater hat zwei Kinder. Er hat diesen Kindern seinen
Willen wie gesetzlich bekanntgegeben. Einen Acker und Weingarten zeigte er ihnen
und sprach: ihr seid kräftig geworden, und so verlange ich von euch, daß ihr für
mich nun den Weingarten und den Äcker fleißig bearbeitet. Aus eurem Fleiße
werde ich erkennen, welcher von euch beiden mich am meisten liebt. Nun, das ist
das Gesetz, laut welchem natürlich demjenigen Sohne, der den Vater am meisten
liebt, des Vaters Herrlichkeit zuteil wird.
14] Was tun aber die beiden Söhne? Der eine nimmt den Spaten
und sticht den ganzen Tag fleißig die Erde um und bestellt den Acker und den
Weingarten. Der andere läßt sich bei der Arbeit mehr, wie man zu sagen pflegt,
gut geschehen. Warum? Er spricht: Wenn ich auf dem Acker oder in dem Weingarten
bin, da muß ich stets meinen lieben Vater entbehren, zudem bin Ich nicht so
herrlichkeitssüchtig wie mein Bruder. Habe ich nur meinen lieben Vater, kann
ich nur um ihn sein, der meinem Herzen alles ist, da frage ich wenig um eine
oder die andere Zuteilung einer Herrlichkeit.
15] Der Vater sagt diesen zweiten Sohne auch dann und wann:
aber siehe, wie dein Bruder fleißig arbeitet und sucht sich meine Liebe zu
verdienen. Der Sohn aber spricht: O lieber Vater! Wenn ich am Felde bin, da bin
ich dir fern, und mein Herz läßt mich nicht ruhen, sondern spricht immer laut
zu mir: Die Liebe wohnt nicht in der Hand, sondern im Herzen, daher will sie
auch nicht mit der Hand, sondern mit dem Herzen verdient sein. Gib Du, Vater,
meinem Bruder, der so emsig arbeitet den Acker und den Weingarten. Ich aber bin
von dir hinreichend beteilt, wenn du mir nur erlaubst, daß ich dich nach meiner
Herzenslust allezeit lieben darf, wie ich dich lieben will und muß, weil du
mein Vater, mein Alles bist.
16] Was wird nun da wohl der Vater sagen, und das aus dem
innersten Grunde seines Herzens? Sicher nichts anderes als:
17] Ja, du mein geliebtester Sohn, dein Herz hat dir das
meinige enthüllt; das Gesetz ist nur eine Prüfung. Aber mein Sohn, die Liebe
steckt nicht im Gesetze, denn jeder, der das Gesetz allein hält, hält dasselbe
aus Eigenliebe, um sich dadurch mit seiner Tatkraft Meine Liebe und Meine
Herrlichkeit zu verdienen. Der aber also das Gesetz hält, der ist noch fern von
Meiner Liebe, denn seine Liebe hängt nicht an Mir, sondern am Lohne.
18] Du aber hast dich umgekehrt, hast das Gesetz zwar nicht
verschmäht, weil es dein Vater gegeben hat, aber du hast dich erhoben über das
Gesetz, und deine Liebe führte dich über demselben zu deinem Vater zurück.
Also soll denn auch dein Bruder den Äcker und den Weingarten überkommen und in
meine Herrlichkeit treten; du aber, mein geliebtester Sohn, sollst haben, was du
gesucht hast, nämlich den Vater Selbst und alle Seine Liebe!
19] Ich meine, mein lieber Freund, aus diesem Gleichnisse wird
es etwa doch handgreiflich klar sein, was da mehr ist, die allein trockene
Gesetzhaltung oder deren Übergehung und das Ergreifen der alleinigen Liebe.
20] Sollte dir die Sache noch nicht völlig klar sein, da
frage ich dich: So du Gelegenheit hättest, dir aus zwei Jungfrauen eine Braut
zu wählen, von denen du zwar überzeugt wärest, daß dich beide lieben, aber
noch nicht dessen völlig gewiß, welche dich am meisten liebt. Würdest du
nicht sehr wünschen, zu erfahren, welche dich am meisten liebt, um sonach die
dich am meisten Liebende zu wählen? Du sprichst: Das ist ganz klar, aber wie es
anstellen, um das zu erfahren? Das wolen wir sogleich haben.
21] Siehe, zu der ersten kommst du hin. Sie ist emsig und tätig.
Aus Liebe zu dir weiß sie sich aus lauter Arbeit nicht aus, und zwar aus lauter
Arbeit für dich, denn sie macht für dich Hemden, Strümpfe, Nachtleibchen und
noch mehr dergleichen Kleidungsstücke. Sie hat damit so vollauf zu tun, daß
sie nicht selten aus lauter Arbeit kaum gewahr wird, wenn du zu ihr kommst.
Siehe, das ist die erste. - Die zweite arbeitet sehr lässig. Sie arbeitet zwar
auch für dich, aber ihr Herz ist zu sehr mit dir beschäftigt, als daß sie
ihre Aufmerksamkeit der Arbeit spenden könnte. Besuchst du sie, und sie
erblickt dich von weiten zu ihr kommend, da ist von einer Arbeit keine Rede
mehr; denn da kennt sie nichts Höheres, nichts Verdienstlicheres als dich
allein! Du allein bist ihr alles in allem, für dich gibt sie alle Welt! Sage
mir, welche der beiden wirst du dir wählen?
22] Du sprichst: Lieber Freund! Um eine ganze Trillion ist mir
die zweite lieber, denn was liegt mir an den paar Hemden und Strümpfen?
Offenbar ist hier ersichtlich, daß mich die erste ja nur dadurch zu verdienen
sucht, daß sie von mir die Anerkennung ihres Verdienstes erzwingen will. Die
andere aber sucht mich zu erlieben. Sie ist über alle Verdienstlichkeit hinaus
und kennt nichts Höheres als mich und meine Liebe. Diese würde ich auch zu
meinem Weibe nehmen.
23] Gut, sage ich dir, mein lieber Freund, siehst du hier
nicht deutlich das Wesen der Martha und der Maria? Siehst du, was der Herr zu
der gesetzesbeschäftigten Martha spricht und was zu der müßigen Maria?
24] Aus dem aber kannst du auch ersehen, was der Herr über
das Gesetz hinaus von jedem Menschen verlangt, und zugleich handgreiflich zu
erkennen gibt, worin die Liebe des Menschen zu Gott besteht. - Aus eben dem
Grunde verflucht der Herr sogar, erregt in Seinem Herzen, die Buchstabenerfüller
des Gesetzes (die Pharisäer und Schriftgelehrten nämlich), lobt den sündigen
Zöllner und macht den Dieben, Hurern und Ehebrechern das Himmelreich eher zugänglich
als den trockenen Buchstabendreschern.
25] Daher frage ich, der Einwender, nun mit vollstem Rechte
noch einmal, nach welchem Maßstabe man Gott über alles lieben soll? Habe ich
den Maßstab, dann habe ich alles, habe ich aber den Maßstab nicht, dann Liebe
ich wie einer, der nicht weiß, was die Liebe ist. Daher noch einmal die Frage:
26] Wie soll man Gott über alles lieben? - Und ich, Johannes,
sage: Gott über alles lieben heißt:
27] Gott über alles Gesetz hinaus lieben! - Wie das, soll die
Folge zeigen. -
01] Um aber gründlich
zu erfahren und einzusehen, wie man Gott über das Gesetz hinaus lieben soll, muß
man wissen, daß das Gesetz an und für sich nichts anderes als der trockene Weg
zur eigentlichen Liebe Gottes ist.
02] Wer Gott in seinem Herzen zu lieben anfängt, der
hat den Weg schon zurückgelegt; wer aber Gott nur durch die Haltung
des Gesetzes liebt, der ist mit seiner liebe noch immer ein Reisender auf dem
Wege, allda keine Früchte wachsen und nicht selten Räuber und Diebe des
Wanderers harren.
03] Wer aber Gott rein liebt, der liebt ihn schon über alles!
Denn Gott über alles lieben heißt ja: Gott über alles Gesetz hinaus lieben.
Wer draußen am Wege ist, der muß fortwährend Schritt um Schritt
weiterschreiten, um so auf die mühevollste Weise das vorgesteckte Ziel zu
erreichen. Wer aber Gott alsogleich liebt, der überspringt den ganzen
Weg, also das ganze Gesetz, und er liebt sogestalt Gott über alles.
04] Man dürfte hier vielleicht sagen: Das klingt sonderbar,
denn nach unseren Begriffen heißt »Gott über alles lieben«: Gott mehr lieben
als alles in der Welt. - Gut, sage ich und frage aber zugleich: Welchen Maßstab
hat aber der Mensch dafür, um solch eine Liebe zu bemessen? Der Einwender hat
diese Maßstäbe der für den Menschen höchst möglichen Liebe auf der Welt
deutlich genug auseinandergesetzt und gezeigt, daß der Mensch auf diese Weise für
die Über-alles-Liebe zu Gott durchaus keinen Maßstab hat.
05] Ich aber sage: Ist durch das gegebene Gesetz nicht alles
dargetan, wie sich der Mensch in seiner Begierde zu den weltlichen Dingen zu
verhalten hat? Im Gesetze sind sonach alle Dinge dargestellt, und daneben für
die Liebe des Menschen die gerechte Beschränkung gegeben, nach der sich ein
jeder Mensch zu den weltlichen Dingen zu verhalten hat.
06] Wenn aber nun jemand Gott über das Gesetz hinaus liebt,
der liebt ihn sicher auch über alle weltlichen Dinge hinaus, weil, wie gesagt,
eben durch das Gesetz die Benutzung der weltlichen Dinge und das Verhalten zu
denselben nach der göttlichen Ordnung dargestellt wird. Ein kurzer Nachtrag in
vergleichender Stellung wird die ganze Sache sonnenklar machen.
07] Der Herr spricht zum reichen Jünglinge: »Verkaufe
alles, teile es unter die Armen, und folge Mir!« - Was heißt das? Mit
anderen Worten nichts anderes als: So du, Jüngling, das Gesetz
beobachtet hast, so erhebe dich nun über dasselbe, gib
der Welt alle Gesetze und alle ihre Dinge zurück,
und du bleibe bei Mir, so hast du das Leben!
08] Wer wird hier nicht erkennen, was Gott über das
Gesetz hinaus lieben heißt?
09] Weiter spricht der Herr zu den Jüngern:
»So ihr nicht werdet wie dies Kindlein, so werdet ihr nicht in das
Reich Gottes eingehen.« Was will denn das sagen? Nichts anderes als:
10] So ihr nicht wie dieses Kindlein, alles in der
Welt nicht achtend, weder das
Gesetz, noch die Dinge der Welt, zu Mir kommt
und Mich wie dieses Kind mit aller Liebe ergreift, so werdet ihr nicht in das
Reich Gottes eingehen! Warum denn
nicht? Weil der Herr Selbst wieder spricht: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und
das Leben!« Wer also zu Mir, der Ich vollkommen eins bin mit dem Vater, Kommen
wird, der muß durch Mich in den Stall oder das Reich Gottes eingehen.
11] Solange sonach jemand nicht den Herrn Selbst ergreift, so
lange kann er nicht zu Ihm kommen, und wenn er gleich wie ein Fels tausend
Gesetze unveränderlich beobachtet hätte. Denn wer am Wege noch ist, der ist
noch nicht beim Herrn, wer aber beim Herrn ist, was sollte der noch mit dem Wege
zu schaffen haben?
12] Aber hier unter euch gibt es Toren, und das zu vielen
Hunderttausenden, die den Weg viel höher halten als den Herrn. Und wenn sie
schon beim Herrn sind, so kehren sie wieder um und entfernen sich von Ihm, um
nur am elenden Wege zu sein! Solche haben mehr Freude an der Knechtschaft, an
der Sklaverei, an dem harten Joche als an dem Herrn, der jeden Menschen frei
macht. Sein Joch ist überaus leicht und sanft Seine Bürde. Leicht das Joch,
auf daß es im Zuge des Lebens nicht drücke am Nacken der Liebe zum Herrn und
gar sanft die Bürde, welche ist das alleinige Gesetz der Liebe! - Weiter sehen
wir ein Beispiel.
13] Der gerechte Pharisäer lobt sich selbst am Wege; aber der
Zöllner findet den ganzen Weg überaus beschwerlich. Denn; nimmer vermag er
dessen Ziel zu überschauen. Er beugt sich daher zutiefst vor dem Herrn in
seinem Herzen, erkennt seine Schwäche und Unfähigkeit, den Weg genau zu gehen.
Dafür aber erfaßt er Gott den Herrn mit seinem Herzen und macht dadurch einen
Riesensprung über den ganzen beschwerlichen Weg und erreicht dadurch sein Ziel!
14] Wer wird hier nicht mit den Händen greifen, was »den
Herrn über alles lieben« heißt? - Also gehen wir weiter. Die Martha ist am
Wege, die Maria am Ziele! Hier braucht man kaum mehr darüber zu sagen, denn zu
klar und deutlich zeigt sich hier, was »den Herrn über alles lieben« heißt.
15] Wollen wir aber die Sache zum Überflusse noch klarer
haben, da betrachten wir noch die Szene, wo der Herr den Petrus dreimal fragt,
ob er ihn liebe? - Warum fragt Er ihn denn dreimal? Denn der Herr wußte ja
ohnehin, daß ihn Petrus lieb hatte, und wußte auch, daß ihm Petrus die drei
gleichen Fragen alle mit demselben Herzen und demselben Munde gleichbedeutend
beantworten wird. Das wußte der Herr. Nicht darum auch hat Er diese Frage an
den Petrus gestellt, sondern darum, daß der Petrus bekennen sollte, daß er
frei ist und den Herrn über alles Gesetz hinaus liebe. Und so bedeutet die
erste Frage: »Petrus, liebst du Mich« - Petrus, hast du Mich gefunden auf dem
Wege? - Solches bejaht Petrus, und der Herr spricht: »Weide Meine Schafe«! das
heißt: Lehre auch die Brüder Mich also finden! - Die zweite Frage: Petrus,
liebst du Mich? heißt: Petrus, bist du bei Mir, bist du an der Türe? - Der
Petrus bejaht solches, und der Herr spricht: »Also weide Meine Schafe!« oder:
Also bringe auch die Brüder, daß sie bei Mir seien an der Türe zum Leben! -
Und zum dritten Male fragt der Herr den Petrus: »Liebst du Mich?« Das
heißt so viel als: Petrus, bist du über alles Gesetz hinaus? Bist du
in Mir wie Ich in dir? - Ängstlich bejaht Petrus solches, und der Herr spricht
abermals: »Also weide Meine Schafe und folge Mir!« Das heißt so viel als:
Also bringe du auch die Brüder, daß sie in Mir seien und in Meiner Ordnung und
Liebe wohnen gleich wie du.
16] Denn dem Herrn folgen heißt: in der Liebe des Herrn
wohnen. Ich meine, mehr noch zu sagen, was Gott über alles lieben heißt, wäre
überflüssig. Und da wir nun solches wissen und das Licht des Lichtes erkannt
haben, so wollen wir uns sogleich in den zwölften und letzten Saal begeben.
Von: Michael B.
Gesendet: Dienstag, 6. November 2001 15:16
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: Re: [Freundeskreis-Lorberliste] Gott über alles lieben Teil 3
Lieber Luis,
vielen Dank für deine vertiefende Herleitung.
Es erfüllt mich mit einem warmen Gefühl, das unser lieber Vater kein
Schullehrer ist, der Noten nach Leistung verteilt und beurteilt, Thema
Himmelsolympiade, sondern ausschließlich der Liebe gedenkt,
in der man lebt und handelt und wie wahrhaftig diese ist.
So also die Frau aus inniger Nächstenliebe, den Vater und des Vaters Kinde im
Gegenüber liebend, gehandelt hat, so hat sie wohl gegen ein Gesetz gehandelt,
aber sich gleichzeitig darüber in Liebe erhoben.
Ob der Sachverhalt nun wahr oder unwahr ist, sollte für unsere Empfindung wohl
unerheblich sein.
Alleine das es eine solche Liebe gibt und in dem Fall geben könnte, ist ein
Geschenk das beglückt.
Liebe Grüße
Michael B.
Von: Luis
Gesendet: Mittwoch, 7. November 2001 05:15
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Re: Gott über alles lieben Teil 3
Ja, lieber Michael,
genau, es ist ein Geschenkt unseres Vaters. Er ist so lieb. Ich habe so oft erlebt, dass das rechte leben führen von mir aus nicht lange halbar ist. Stellt dir vor, selbst die reinste Frau der Welt. Maria sagte ein mal:
»Das
gerechte Leben ist nicht unser, sondern des Herrn, und ist eine Gnade!
Wer da aus sich gerecht zu leben glaubt, der lebt vor Gott
sicher am
wenigsten gerecht;«
(jj.6.28)
Liebe Grüsse
Luis
Demut und Weisheit der Maria
JJesu.6
25]
Elisabeth aber erkannte in diesen Worten die tiefe Demut und Bescheidenheit
Mariens und sagte zu ihr:
26] »Ja, du gnadenerfüllte
Jungfrau Gottes! Mit solchen Gesinnungen muß man ja auch die höchste Gnade vor
Gott finden!
27] Denn also, wie du sprichst,
kann nur die höchst reinste Unschuld sprechen; und wer darnach lebt, der lebt
sicher gerecht vor Gott und aller Welt!«
28] Maria aber sagte: »Das
gerechte Leben ist nicht unser, sondern des Herrn, und ist eine Gnade!
29] Wer da aus sich gerecht zu
leben glaubt, der lebt vor Gott sicher am wenigsten gerecht; wer aber stets
seine Schuld vor Gott bekennt, der ist es, der da gerecht lebt vor Gott!
30] Ich aber weiß nicht, wie ich
lebe, - mein Leben ist eine pure Gnade des Herrn; daher kann ich auch nichts
anderes tun, als Ihn allezeit lieben, loben und preisen aus allen meinen Kräften!
Ist dein Leben wie das meinige, da tue desgleichen, und der Herr wird daran mehr
Wohlgefallen haben, als so wir möchten noch soviel über die Verhältnisse des
Tempels miteinander verplaudern!«
31] Elisabeth aber erkannte gar
wohl, daß aus der Maria ein göttlicher Geist wehe, stellte daher ihre
Tempelfragen ein und ergab sich, Gott lobend und preisend, in Seinen Willen.
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From: Date: Tue Nov 6, 2001
11:42 am |
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Lieber Luis, Der
Herr sagt: »Wer Meine Gebote hält, der ist es, der Mich liebt
«. Der
Herr stellt aber die Liebe aus der Erfüllung des Gesetzes als nicht genügend
dar. Beispiel: Der
Herr spricht zum reichen Jüngling: »Halte die Gebote und liebe Gott,
so wirst du leben!« Der Jüngling antwortet: »Meister, das habe ich
von meiner Kindheit an gehalten«. Der Herr spricht weiter: »So
verkaufe alle deine Güter, verteile sie unter die Armen und folge Mir
nach!« Fage:
wenn der Herr also Selbst einen solchen Zusatz macht, genügen da als höchste
Liebe zu Gott die beobachteten Gesetze? Warum so kompliziert? In Wahrheit ist es doch ganz
einfach! Eben weil man Jesus so sehr liebt, hält man mit der größten
Freude seines Herzens seine Liebe-Gesetze. Verstößt man dennoch mal
dagegen, so ist man deswegen traurig und trachtet nach Besserung. |
Von: Luis Peru ECLV [leveri@ec-red.com]
Gesendet: Mittwoch, 7. November 2001 04:49
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Re: Gott über alles lieben Teil
Liebe Sandra,
Warum so kompliziert? In Wahrheit ist es doch ganz einfach! Eben weil man Jesus so sehr liebt, hält man mit der größten Freude seines Herzens seine Liebe-Gesetze.
Ja, das ist eine gute Frage. Diese vielleicht für den Anfang kompliziert erscheinede Worte stammen aber ganz aus de NO.
Je größer die Liebe zu Jesus, desto größer wird der Wunsch, Jesus in allem zu entsprechen. Man eifert seinem Vorbild nach.
Und gerade in diesem Grösser-werden-Prozess können wir uns ruhig eins merken:
Der
Herr setzt die Haltung des Gebotes
allein für sich betrachtet ganz unten an.
Das können wir in der Kapitel 100 bis 102 aus Geist.Sonne Band 2 in aller Ruhe lesen.
Liebe Grüsse
Luis
Dominik:
In
einer eMail vom 06.11.01 17:47:42 (MEZ) Mitteleuropäische Zeit schreibt sandra:
"Was ihr wollt, das man euch tut, das fügt auch eurem Nächsten zu",
... an diesem satz bin ich hängen geblieben, weil er falsch ist, liebe sandra
... richtig heisst es:
> was ihr NICHT wollt, das man euch tut, das fügt auch keinem
anderen zu<
... dazu möchte ich darauf hinweisen, dass nächstenliebe nicht bedeudet, jedem
alles zu tun was er will oder braucht, sondern dass die nächstenliebe nur im
rahmen der göttlichen ordnung unter leitung der weisheit zulässig ist, denn
die liebe allein ist blind.
dominik
Von: Sandra Sch
Gesendet: Mittwoch, 7. November 2001 17:33
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Re:: Gott über alles lieben Teil
Lieber Dominik,
meine Aussage bezog sich auf folgende Textstellen im Großen Evangelium:
[GEJ.06_040,08] Der Wille Gottes an alle Menschen
aber lautet ganz kurz also: Erkenne Gott und liebe Ihn über alles und deinen Nächsten,
das heißt deinen Nebenmenschen aber wie dich selbst. Sei wahrhaft und getreu
gegen jedermann, und was du vernünftigerweise willst, daß man dir tue, das
tue du auch deinem Nebenmenschen, so wird Friede und Einigkeit zwischen euch
sein und Gottes Wohlgefallen wird über euren Häuptern strahlen wie ein rechtes
Licht des Lebens!
[GEJ.07_094,17] Darum besteht die wahre Nächstenliebe
in dem, daß man seinem Nächsten alles das tut, von dem man vernünftigerweise
wünschen kann, daß er es einem auch tut.
[GEJ.08_063,13] Sagte Ich: „Gut, so gehe du hin
und tue desgleichen! Ein jeder Mensch, der in irgend etwas deiner Hilfe bedarf,
ist dein Nächster; und so du ihm hilfst, da bist auch du sein Nächster. Und so
du ihm geholfen hast, da hast du ihn als deinen Nächsten auch geliebt wie dich
selbst; denn die wahre Nächstenliebe besteht eben darin, daß ihr euren
Nebenmenschen alles das tuet, was ihr vernünftigerweise wünschen könnet, daß
sie im Notfalle auch euch tun möchten. – Weißt du nun, wer dein Nächster
ist?“
Ich bin davon ausgegangen, dass diese Textstellen bekannt sind, deswegen habe
ich es mit dem Zitat nicht so genau genommen. Sorry. Beim nächsten Mal werde
ich wieder korrekt und ordnungsgemäß zitieren.
Alles Liebe